Ingolstadt: Milder Jubiläumsglanz
Lyrische Töne: Antonii Baryshevskyi spielt das Klavierkonzert in a-Moll von Robert Schumann, begleitet wird er von der Philharmonie Kiew unter der Leitung von Mykola Dyadiura. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Der romantische Komponist Robert Schumann (1810-1856) liebte es, sein Seelenleben durch zwei fiktive, antagonistische Figuren zu charakterisieren: "Florestan, den Wilden, / Eusebius den Milden" - so beschrieb er die beiden Charaktere in einem Gedicht für seine Frau Clara. Seine Musikkritiken und auch viele seiner Kompositionen unterschrieb Schumann nicht mit seinem eigenen Namen, sondern mit den beiden erfundenen Helden. Die großen Klavierzyklen wie "Davidbündlertänze" oder "Carneval" sind so durchdrungen vom Konflikt der beiden Seelenfiguren. Aber eigentlich sind alle Werke Schumanns geprägt von dieser lustvollen Dualität zwischen poetisch-gefühlvollem Überschwang (Floristan) und ungehemmter stürmischer Wildheit (Eusebius) - auch das Klavierkonzert in a-Moll.

Kaum ein Pianist und kaum ein Orchester können beide Charaktere gleich gut darstellen. Beim Jubiläumskonzert des Konzertvereins Ingolstadt im Festsaal spielte Antonii Bary-shevskyi den Solopart, und er ist eindeutig ein Floristan-Typ. Die einleitenden heftigen Akkorde des Orchesters, das dann folgende fast rezitativische, abwärtsstürzende Oktav-Solo des Klaviers spielte der Ukrainer erstaunlich moderat, keineswegs so kraftstrotzend und heroisch wie in vielen anderen Darstellungen. Ganz anders das träumerische Hauptthema, das kurz danach folgt: Hier kitzelte Baryshevskyi wirklich alles an Romantik und Poesie aus den Zeilen heraus, was überhaupt nur geht. Ein Rausch der goldenen Anschlagsfinesse, der subtilen Verzögerungen. Wunderbar. Hier musizierte Bary-shevskyi wirklich ergreifend.

Auch die Kadenz am Ende des Satzes, eigentlich monumentales Virtuosenfutter, ging Baryshevskyi verblüffend zögerlich und verhalten an, um dann selbst die größten Ausbrüche eher zurückhaltend zu bewältigen. Im Schlusssatz zeigte er dann noch eine andere pianistische Tugend. Baryshevskyi vermochte großartig die verschiedenen solistischen Einschübe immer wieder anders zu schattieren, lustvoll verschiedene Beleuchtungseffekte auszuspielen. Großartig.

Übrigens ist auch das Gastspiel-Orchester eher ein Adept Floristans. Die große pathetische Geste, das exzessive Zurschaustellen vordergründiger Virtuosität liegen der Philharmonie Kiew unter der Leitung ihres Chefdirigenten Mykola Dyadiura nicht. So klangen auch die Orchesterpassagen des Schumann-Konzerts poetisch, nachdenklich und reflektiert. Dafür sitzen in den Reihen des Orchesters erstaunliche Talente, wie besonders der zweite Satz "Andante grazioso" offenbarte: was für wunderbare Oboen- und Klarinettensoli, was für feinfühlige Celli, was für ein Solohornist!

Für den begeisterten Beifall des Publikums im ausverkauften Festsaal bedankte sich der junge Ukrainer mit zwei bemerkenswerten Zugaben - und zeigte dabei noch einmal nachdrücklich, dass er nicht nur ein überaus feinfühliger Musiker ist, sondern auch über bemerkenswerte manuelle Fähigkeiten verfügt: Er spielte zwei höllisch schwere Werke, das Prélude Nr. 12 von Debussy (aus dem zweiten Band der Préludes) und die wunderbare Etüde "Fem" von György Ligeti. Beides hochvirtuose, fulminante Darstellungen - und dem Anlass dieses ungewöhnlichen Konzertes durchaus angemessen.

Denn der Konzertverein feierte mit diesem Abend sein Jubiläum. Auf dem Tag genau vor 100 Jahren, am 12. November 1917, mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges, veranstaltete der Verein sein erstes Konzert.

Um das Ereignis gebührend zu würdigen, hatte der Konzertverein einige der für weite Teile des Publikums (und der Musikkritiker) wohl schönsten Klassiker des Repertoires überhaupt aufs Programm gesetzt. Und zwar ausgesprochen herbstliche oder zumindest naturhafte Stücke. Die wunderbare Philharmonie Kiew spielte zunächst "Im Herbst" von Edvard Grieg und nach der Pause die 2. Sinfonie von Johannes Brahms.

Die milden Klänge liegen den Musikern. Die Konzertouvertüre von Grieg ging Dirigent Dyadiura zunächst sehr verhalten an, kostete die Pausen aus und ließ das Orchester den weichen Klang behutsam formen. Um dann in den schnelleren Passagen eindringlicher zu werden, Druck zu machen und (für ein so großes Orchester) erstaunliche Reaktionsschnelligkeit und Beweglichkeit zu zeigen.

Für die Brahms-Sinfonie entwickelte Dyadiura eine geradezu meisterhaft ausgewogene Deutung. Mit eher etwas langsamen Tempi bot er seinen ausgezeichneten Holzbläsern dabei viel Freiraum. So stand weniger die Rasanz des letzten Satzes und der Humor des "Allegretto grazioso" im Vordergrund als vielmehr der milde naturhafte Farbenzauber der Instrumente. Natürlich gibt es dramatischere Interpretationen des Werks (etwa von Furtwängler) oder schlanker musizierte. Aber es gibt wenige, die der Schönheit des Orchesterklangs so viel Raum gewähren. Und im Schlusssatz zeigte Dyadiura doch noch einigen Furor, ließ die mächtigen Steigerungen wie zeitlupenhafte Eruptionen anschwellen, ohne die Pausen auszudehnen oder anderen Effekthaschereien Raum zu geben. Gewaltiger, begeisterter Beifall des Publikums.

Und noch eine Zugabe: Der "Ungarische Tanz Nr. 5" von Brahms als weichpolierter, philharmonischer Klangzauber. Die Musiker spielten nun sogar noch ein wenig befreiter, rhythmisch mutiger und berauschten das Publikum endgültig. Das war der genau richtige, mitreißende Drive, um mutig die nächsten 100 Jahre des Konzertvereins Ingolstadt anzugehen.