Mittwoch, 30.05.2012 |

 

26.11.2010 20:16 Uhr | 56x gelesen
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Männergesangsverein auf höchstem Niveau


Bild: Männergesangsverein auf höchstem Niveau . Ingolstadt Ingolstadt (DK) Gleich vier Sänger im Frack haben sich neben dem Flügel postiert. Seltsam. Normalerweise genügt für den klassischen Liederabend einer davon. Doch diesmal geht es im Konzertverein auch gar nicht um das Kunstlied, sondern um jenes Männervergnügen, das im Absingen mehrstimmiger Liedsätze besteht.

Ingolstadt (DK) Gleich vier Sänger im Frack haben sich neben dem Flügel postiert. Seltsam. Normalerweise genügt für den klassischen Liederabend einer davon. Doch diesmal geht es im Konzertverein auch gar nicht um das Kunstlied, sondern um jenes Männervergnügen, das im Absingen mehrstimmiger Liedsätze besteht.


Ingolstadt: Männergesangsverein auf höchstem Niveau
Frisch und frei: Die "Liedertafel" im Ingolstädter Festsaal. - Foto: Schaffer
Von der Ästhetik des subjektiv empfundenen und kompositorisch komplex ausgeleuchteten Sololiedes unterscheidet sich diese Musik ein wenig: Die Sätze sind meist so einfach gehalten, dass man sie auch nach einigen Gläsern zu viel noch singen kann. Denn ihren ursprünglichen Ort hatte diese Musik im bürgerlichen Salon, in der feuchtfröhlichen Runde zu später Stunde. Man traf sich, diskutierte, spielte, tanzte und sang zu Wein und Punsch. Vor allem in progressiven Künstlerkreisen war das im Zeitalter der Restauration beliebt, das schaffte Zusammenhalt und Identität angesichts der repressiven Staatsmacht. Die "Schubertiaden" in Wien gehörten etwa dazu, und natürlich hat sie Schubert selbst mit einer Menge Musik beliefert.

Die zahllosen Männergesangsvereine und Liedertafeln des 19. Jahrhunderts pflegten dieses Repertoire, frisch und fromm, froh und frei, aber viel von der ursprünglichen Frische ging im etwas betulichen deutschen Vereinswesen verloren.

Wie es in hochkarätiger solistischer Besetzung klingen kann, ist heute leicht auf CD nachzuhören, live aber selten zu erleben. Insofern vermittelt das Ensemble "Liedertafel" einen interessanten Einblick in eine (fast) vergessene Gesangskultur. Mit Markus Schäfer, Christian Elsner (Tenor), Michael Volle (Bariton) und Franz Josef Selig (Bass) haben sich dazu vier renommierte Solisten zusammengetan, flankiert von dem herausragenden Klavierbegleiter Gerold Huber.

Ein wenig seltsam nehmen sich die Stücke im Konzertsaal zunächst schon aus. Derart vollendet, in einem homogenen und doch individuell durchgezeichneten Klangbild, absolut sauber intoniert und mit feinsten Ausdrucksnuancen und Schattierungen versehen, dürfte man sie kaum zuvor gehört haben. Huber begleitet so erlesen und feinfühlig wie in einem Schumann-Lied. Und doch berührt die Musik nicht wirklich so "inniglich" und "wonniglich", wie es in den Texten heißt: Die Landschaft aus Wald und Wiesen mit all ihren Blümlein, Dörfchen und schwarzbraunen Mädeln bleibt flach, biedermeierliche Genrebilder ohne die seelische Tiefendimension und Gebrochenheit der wirklichen Romantik.

Dass Schubert selbst in diesem Genre dazu durchaus fähig war, zeigt erst die zweite Konzerthälfte: Die Gesänge "Wehmut" und "Grab und Mond" (großartig Michael Volles "Abendglocken") rühren an die Grenze zum Verstummen, an Dunkles und Verstörendes in der Seele. Überhaupt kommt jetzt endlich Stimmung auf, vor allem mit den Trinkliedern. Hier geht es dann auch um Männerthemen, die immer aktuell sind: Angesichts von Liebesschmerz, -not und -qual wird da zum Beispiel gefragt: "Was heilet dich von dieser Pein" Das ist natürlich der Wein, und die Sänger liefern die Antwort so lebensecht, als hätten sie diesem schon ausgiebig zugesprochen.

Man möchte gleich selbst mitfeiern, so witzig und mitreißend kommen diese Lieder über die Bühne. Doch es gibt keinen Tropfen, alles ist nur blendend inszeniertes Theater, jubelnd beklatscht von einem begeisterten Publikum. Würde wirklich getrunken, könnte am Schluss kaum so rein und wunderschön der berühmte Mond von Johann Abraham Peter Schulz aufgehen.


Von Jörg Handstein

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