Ingolstadt: Macht und Monster
Party bei den Essenbecks: Weil sich in ihrem Besitz die Waffenschmiede der Nation befindet, werden sie von den politischen Machthabern umgarnt. Welche Auswirkungen das auf die Familie und auf die Gesellschaft hat, thematisiert "Der Fall der Götter". - Foto: Klenk
Ingolstadt

"Der Fall der Götter" eröffnete am Freitagabend die Saison im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt. Mit diesem Kinoepos über die Familie Essenbeck unternahm Luchino Visconti 1969 eine kühne Inspektion einer durch Luxus korrumpierten und politisch instabilen Gesellschaft. Der Film führt ins Jahr 1933 zurück und schildert parallel zum Aufkommen der Nazis den Niedergang einer mächtigen Industriellen-Dynastie. Tom Blokdijk bearbeitete diese spannende Verquickung von Machtwahn und Privatinteresse, Patriotismus und Profitmaximierung in den 80er-Jahren für die Bühne.

Die Fassung von Donald Berkenhoff ist radikaler und verspielter zugleich, verlegt er die Handlung doch aus den 30er-Jahren in eine sehr nahe Zukunft, in der sich alle Befürchtungen der Gegenwart schon eingelöst haben: Die totalitäre Gesellschaft hat mit den demokratischen Prinzipien aufgeräumt. Der Reichstagsbrand wurde durch den Putsch in der Türkei ersetzt, in dessen Folge Erdogans autoritäre Herrschaft weiter ausgedehnt wurde. Man sieht auch keine Hakenkreuze, denn die neuen Nazis legen modisch wie gesinnungstechnisch Wert auf Diskretion.

Wir sehen: inszenierte Wirklichkeit. Und das im doppelten Sinn. Denn Berkenhoff lässt mit Stefano di Buduo einen Regisseur auftreten, der ein Filmprojekt umsetzt - von der Geburtstagsfeier des Stahl-Patriarchen über die familiären Ränkespiele und die Einflüsterungen der Politik bis zu Erpressung, Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Mord. Es geht um Gier, Gewalt und Macht. Es geht um alle gegen alle. Atemlos, mit schnellen Schnitten, in Großaufnahme. Der (Bühnen-) Regisseur fordert Emotion, Tempo, nacktes Fleisch. Die Close-ups aus der Brutstätte der Dekadenz werden live auf die zentrale Leinwand projiziert, lenken bewusst den Blick der Zuschauer auf ausgewählte Ausschnitte - und ehe man sich's versieht, hat man woanders etwas verpasst. Theater auf dem Theater, Kleiderwechsel auf offener Bühne, demonstratives Aus-der-Rolle-fallen. Berkenhoff setzt auf permanente Überforderung - visuell und akustisch. Als Zuschauer muss man wachsam sein, mitdenken, Zeichen erkennen: Ist das noch Demokratie - oder schon Diktatur?

In einem großen, bunten Spektakel führt Berkenhoff die Psychopathologie einer Familie vor: Keimzelle und Spiegel der Gesellschaft. Jeder Krieg braucht Waffen. Hier werden sie produziert. Die politische Führung sucht sich willfährige Kandidaten aus der Vorstandsebene und sorgt dafür, dass Rivalen ausgeschaltet werden. Und diese Mechanik der Macht inszeniert Berkenhoff mit seinem unglaublich spielfreudigen Ensemble eindrucksvoll: Ingrid Cannonier als Sophie Essenbeck, eine eiskalte Lady Macbeth, Enrico Spohn spielwütig wie immer als ihr perverser Sohn Martin, Sebastian Witt als raffiniert taktierender General Aschenbach, Manuela Brugger als Elisabeth Thalmann zwischen Dünkel und Demut, Patrick Schlegel als Günther Essenbeck, empfindsam-naiv, später skrupellos auf Linie gebracht, und Teresa Trauth souverän als Kommentatorin, Mahnerin, moralische Instanz. Einige Schauspieler haben Mehrfach-Rollen zu bewältigen, was für den Zuschauer mitunter komisch anmutet, andererseits eine vielschichtigere Rollenzeichnung zulässt. Etwa, wenn Sascha Römisch als Friedrich Bruckmann das (ebenfalls von ihm gespielte) Familienoberhaupt Joachim Essenbeck tötet - eine Selbstauslöschung. Doch nur wenig später spiegelt sich Joachims menschenverachtende Autorität in Friedrichs Zügen. Oder wenn Nils Buchholzs Herbert Thalmann aufgrund seiner liberalen Haltung die Firma verlassen muss, um dem polternden Konstantin Essenbeck Platz zu machen. Dann mutiert er vom Opfer zum Täter. So wie Sandra Schreiber als Kind/Hure/Tochter ein höchst facettenreiches Spiel aus Verführung und Ohnmacht gelingt. Alle stehen in einem diffizilen Abhängigkeitsverhältnis zueinander - und die Schauspieler zeigen das virtuos.

Berkenhoff hat für das Tête-à-Tête seiner "Verdammten" einen schrillen Raum ersonnen: Vorn erstreckt sich über die gesamte Bühnenbreite eine Bank, die ebenso wie der Flügel mit orangefarbenem Flokati überzogen ist. Hinten sieht man Garderobenspiegel und Kostümständer, die mit Andrea Fissers herrlichen Kreationen behängt sind. Aber die Kronleuchter sind ebenso Trompe-l'Å“il wie das Wohnzimmer der Trumps aus Gold und Grauen. Hier nimmt Berkenhoffs Familienaufstellung ihren Lauf, hier menschelt und mauschelt es, wird korrumpiert und ideologisiert - durch die Jahrhunderte. Die Evolution kehrt sich um - von Trump zu Machiavelli, vom Barock- zum Urzeitmenschen. Was bleibt, ist der unbedingte Wille zur Macht.

Donald Berkenhoff ist mit dieser Inszenierung ein scharfsinniger Kommentar zur Gegenwart gelungen. Nach 100 Minuten gibt es dafür langen Applaus.

Weitere Termine: 14., 15., 24., 28., 29. Oktober, Telefon (08 41) 30 54 72 00.