Ingolstadt: Kunst als Lebensglück
Tanzende Linien, Rechtecke und Quadrate hat Gudrun Piper als Reflexion auf ihr Lebenswerk gezeichnet. - Foto: Fröhlich
Ingolstadt

Alle 100 Zeichnungen sind in den Jahren 2014 bis 2016 entstanden, auf DIN A4 oder DIN A5 mit Acrylstiften komponiert. Jeden Tag habe sie diszipliniert gearbeitet, sagte Simone Schimpf, Direktorin des Museums, in ihrer Einführung am Samstag.

Die Schau ist der zweite Teil einer Reihe zum zehnjährigen Bestehen der Stiftung Konkrete Kunst Ingolstadt. Begonnen hatte sie mit dem Werk Ben Muthofers zu dessen 80. Geburtstag, Ende November wird eine Ludwig-Wilding-Schau folgen (er wäre in diesem Jahr 90 geworden). Alle drei Künstler sind nicht nur herausragende Repräsentanten der Konkreten Kunst, sondern auch mit ihren Arbeiten in Ingolstadt präsent. So waren Arbeiten Gudrun Pipers 2009 in einer Sonderschau zum 90. Geburtstag zu sehen. Das Museum ist im Besitz zahlreicher Werke Pipers und ihres Ehemanns, des konstruktivistischen Künstlers Max Hermann Mahlmann (1912-2000), mit dem Piper seit 1953 verheiratet war. Das sich gegenseitig inspirierende Künstlerpaar führte in Wedel ein offenes Haus mit einem großen Künstlerfreundeskreis. Kennengelernt hatten sie sich in München.

Dorthin war die 1917 im japanischen Kobe geborene Piper zum Abschluss ihrer Kunststudien (1948) gegangen. Seit 1927, nachdem sie mit ihrer Familie aus Japan zurückgekehrt war, hatte sie gemalt, ab 1937 an der Kunstschule Hamburg, an den Kunstakademien in Hamburg und Düsseldorf studiert. 1942 verbrachte sie ein Studienjahr in Assisi.

"Zunächst wollten wir zum 100. Geburtstag Gudrun Pipers, den wir auch gerne mit ihr gefeiert hätten, eine Retrospektive zeigen", sagte Schimpf. Doch entpuppte sich Pipers Schaffen als so umfangreich - vom Gegenständlichen rasch zur Abstraktion, zu Schwarz-Weiß, zu klaren Farben und sogar Neonfarben (wie 2014 in der Schau "Neon - vom Leuchten der Kunst" im MKK zu sehen) reicht es -, um es angemessen im Erdgeschoss des Museums zu zeigen. So fiel die Entscheidung zur radikalen Auswahl.

Denn die Zeichnungen sind Pipers Reflexion auf ihr Lebenswerk. Eine Reflexion, bei der sie das Lineal beiseitelegte, die Quadrate nicht mehr ausrechnete, keine Vorzeichnungen machte, sondern frei Quadrate, Rechtecke und Linien in Beziehung zueinander setzte: Sie erinnerte Rasterungen und schuf "aus ruhiger Überlegung" tanzende Quadrate, komponierte Farben, wie ihre Tochter, die Modedesignerin Maria Mahlmann, während der Vernissage erzählte. "Sie klingen gut miteinander", habe Gudrun Piper gesagt, wenn sie, Künstlerin und Tochter, gemeinsam das an einem Tag entstandene betrachteten.

Mahlmann hatte sich nach dem Tod ihres Vaters um ihre Mutter gekümmert - "wir haben zusammen gearbeitet". Sie war es auch, die die Anregung gab, das kleine Format zu wählen. Ihre Idee war, Siebdrucke und Grußkarten zu schaffen, was nicht geschah, weil diese Zeichnungen eine so intensive Heiterkeit und Stille offenbarten, eine neue Freiheit und die Handschrift des Alters, dass Mahlmann sie nicht hergeben wollte. So hängen sie im Erdgeschoss des Museums. 100 Zeichnungen. Als großflächige Gruppe an der Stirnseite, in kleinen Gruppen an den Seitenwänden, strahlen in ausgewogenen Proportionen. In ihnen schwingen Linien, Quadrate, Rechtecke rhythmisch, tanzen gar, schmiegen sich aneinander, kommunizieren nicht zufällig miteinander. Und sind nun doch käuflich zu erwerben.

Gudrun Piper zum 100. Geburtstag, Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt, bis 19. November, Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.