Ingolstadt: Konzerterfahrener Nachwuchs
Reife künstlerische Leistung: Wettbewerbssieger Theo Plath im Ingolstädter Festsaal. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Es treten also keine echten Anfänger mehr auf beim Wettbewerb um den von Elin und Wilhelm Reissmüller 1968 gestifteten Musikförderungspreis, sondern fast schon gestandene Persönlichkeiten. Eine Tatsache, die sofort spürbar wurde, als die jungen Musiker die Bühne des Ingolstädter Festsaals betraten. Die Konzerterfahrung, die Routine war den jungen Musikern anzumerken. Sie sind ohne Einschränkung in der Lage, mit großer Souveränität Konzertabende zu gestalten. Fertige Musiker schienen vor einem zu stehen, auch wenn es sich noch um Studenten handelt. Hervorragend waren sie alle. Allerdings in unterschiedlichem Maße. Wer am Ende Sieger wurde, hatte mit Nuancen zu tun und auch mit der Programmwahl. Jeder Musiker sollte mit mehreren Stücken eine halbe Stunde lang sein Können demonstrieren. Aber nicht jedem Musiker gelang es an diesem Abend gleich gut, seine Stärken mit den ausgewählten Kompositionen auszuleuchten.

Die glücklichste Hand bewies hier zweifellos der Wettbewerbssieger, der aus Dortmund stammende Theo Plath. Er wählte die G-Dur-Sonate von Camille Saint-Saëns, von Heinz Holliger "Klaus-ur" und von Roger Boutry "Interférences I" aus - die technisch und musikalisch anspruchsvollste Programmzusammenstellung in diesem Wettbewerb. Geradezu verblüffend die Virtuosität beim Holliger-Solostück: fast schon ein virtuoser Schaulauf aller technischen Möglichkeiten des Fagotts. Da wurde Zweistimmigkeit imitiert, Glissandi, Zirkularatmung, das Erzeugen schmatzender und quäkender Laute und viele Effekte mehr reihten sich aneinander. Ganz anders hingegen der Camille Saint-Saëns. Hier überwältigte Plath das Publikum mit seinen klanglichen Möglichkeiten, das unglaubliche, scheinbar aus dem Nichts kommende Pianissimo, der warme romantische Tonfall im Kopfsatz. Und die reaktionsschnellen Einwürfe im "Allegro scherzando". Überzeugend wirkte Plath auch, weil er nahezu auswendig spielte und damit wesentlich souveräner dem Publikum gegenübertreten konnte als die beiden anderen Musiker. Und er hatte auch den besten Pianisten an der Seite, den temperamentvoll agierenden Aris Blettenberg.

Zwar sollte der technische Schwierigkeitsgrad eines Programms nicht wettbewerbsentscheidend sein. Aber im Falle von Felix Amrhein waren die ausgewählten Werke letztlich wahrscheinlich doch zu unscheinbar. So solide und klanglich ausgefeilt er etwa das opernhaft frühromantisch wirkende "Morceau de Salon" von Johann Wenzel Kalliwoda auch am Fagott aussingen konnte (solide begleitet von Fernando del Olmo): Sein Kollege Plath musizierte einfach etwas eindringlicher. Und Isang Yuns "Monolog für Fagott solo", den Amrhein sehr kompetent interpretierte, mangelte es einfach an technischer Vielseitigkeit.

Ein durchaus virtuoses Programm hatte hingegen die Flötistin Alissa Rossius (am Klavier begleitet von Nino Gurevich) zusammengestellt. Toshi Ishiyanagis Solostück "In a Living Memory" ist kraftraubend und kompliziert durch den toccatahaften Beginn und die großen Sprünge. Rossius gelang das vortrefflich, besser zumindest als Schuberts "Variationen über ,Trockene Blumen'". Denn hier spielte die Flötistin zwar die lyrischen Passagen tonschön und romantisch, die stürmischen Stellen allerdings zu wenig dramatisch. Dennoch war auch ihr Beitrag eindrucksvoll, eigentlich fast genauso überzeugend wie der von Theo Plath. So schnitt Alissa Rossius beim Publikumspreis auch nur knapp schlechter ab als der Fagottist.