Konzert für Handy und Klavier
Ingolstadt (DK) Der legendäre Pianist Alfred Brendel hat es einmal treffend formuliert: „Die Voraussetzung von Musik ist Stille.“ Die allerdings wollte sich beim Klavierabend von Florian Uhlig beim Ingolstädter Konzertverein im Theaterfestsaal nicht einstellen.

Meister der musikalischen Rhetorik: Florian Uhlig gab ein Konzert beim Ingolstädter Konzertverein. Vorher hatte er im Rahmen der Reihe Meet the Artist Schüler der 9. Klasse des Reuchlin-Gymnasiums in Ingolstadt besucht und die Diabelli-Variationen vorgestellt - Foto: Schaffer
Der 36-Jährige hatte in seinem Liszt-Gedenkkonzert (der Supervirtuose wurde am 22. Oktober vor 200 Jahren geboren) das Hauptwerk des bedeutenden Komponisten, die h-Moll-Sonate, einem Hauptwerk Beethovens, den Diabelli-Variationen, gegenübergestellt. Denn Liszt liebte das Variationen-Werk und führte es selbst oft auf. Quasi als Synthese platzierte Uhlig an den Anfang seines Recitals die Liszt-Bearbeitung des Beethoven-Liederzyklus’ „An die ferne Geliebte“. Eine überraschende Auswahl. Denn Liszt entfesselt hier keineswegs die klavierorchestrale Pyromanie, die sonst bei seinen Bearbeitungen typisch ist. Im Gegenteil, hier bleibt der pianistische Feuerwerker seltsam respektvoll gegenüber dem ursprünglichen Notentext.
Uhlig allerdings machte aus den einfachen Melodien ein Wunderding. Ihm ging es weniger darum, den Schönklang des Gesangs auf dem Schlagwerk des Klaviers zu imitieren. Sondern um die Glut der unerfüllten Liebe. Immer wieder ließ er den Strom der Töne abreißen, ausklingen, ins Pianissimo abgleiten, lauschte ihnen nach, stellte sie infrage, als wenn ein Echo der unendlich fernen Geliebten zu erwarten wäre. Dann wieder spielte er sich suggestiv in einen Rausch, als wenn er das Liebesglück durch bloße Hoffnung herbeisingen könnte. Uhlig verwandelte sich hier zum musikalischen Rhetoriker, die Musik war eine Ansprache an die Geliebte, auch wenn sie unerreichbar war.
Dieses rhetorische Talent scheint typisch für Uhlig zu sein, denn es kennzeichnete auch die folgenden Werke. Bei der h-Moll-Sonate schien Uhlig die ersten düster-geheimnisvollen Takte zu blass, zu wenig dämonisch zu formen, die Bögen zu unentschieden-zerbrechlich. Und auch die Attacken der Exposition mit ihren schwierigen Septimsprüngen wirkten eher bewältigt als gestaltet. Dazu kam, dass Uhlig noch keinen wirklich kraftvollen orchestralen Klavierklang erzeugen kann und um diesen Mangel zu kaschieren, allzu viele Akzente setzt.
Zur Hochform lief Uhlig erst im zweiten Satz auf, im fast impressionistischen Glitzerspiel entwickelte er einen poetischen Reichtum der Farbschattierungen wie man ihn selten zu hören bekommt.
Anlaufschwierigkeiten hatte Uhlig auch bei den Diabelli-Variationen. Allzu robust ging er das Thema an, und diese rustikale Note bestimmte auch die ersten Variationen. Erst viel später wurde Uhligs Spiel differenzierter, subtiler. Wenn Beethoven die Grenzen der Klassik hinter sich lässt und das Tor öffnet zur Romantik und zu noch weit dahinter liegenden Epochen, wurde auch Uhligs Spiel fantasievoller. Groteske Pausen, spukhafte Einwürfe, sakrale, an Bach erinnernde polyphone Irrläufe, grelle Triller und irre Komik charakterisieren auf einmal das Werk – und Uhlig spielte das so frei, so intensiv, als würde er improvisieren.
Nach dem Schlusston war das Publikum erst zu benommen, um heftig zu applaudieren. Erst allmählich brandeten die Bravorufe als Dank für diesen einzigartigen Klavierabend auf. Und der Pianist: Er blinzelte in die Scheinwerfer, als käme er gerade aus einer anderen Welt.
Von Jesko Schulze-Reimpell

