Knöpfe, Saiten, Spott
Ingolstadt (DK) Formationen, die im Namen ihres Programms bereits die bevorzugten Auftrittsorte tragen, dürfte es nicht allzu oft geben, denn schließlich sind diese ja auch nicht allzu wichtig. Oder vielleicht doch? „Unverschämte Wirtshausmusik“ ist anlässlich der Kabaretttage in der „Neuen Welt“ angesagt und hat prompt für ausverkauftes Haus gesorgt.
Im musikalischen Zentrum stehen in erster Linie Stücke aus dem bayrischen Brauchtum wie Zwiefache, Landler, Gstanzl. „Jetz heats a echte Volksmusik“, führt Göttler den Abend ein. Mit volkstümlicher Musik à la „Musikantenstadel“ will und darf die unverschämte Wirtshausmusik nicht verwechselt werden. Die Texte triefen vor Spott und Häme und im Grunde kann man nichts und niemanden ausmachen, der vor den gesungenen „Betrachtungen“ des Duos sicher ist. Die große Politik aus der Perspektive des kleinen Mannes spielt genauso eine Rolle wie die sehr zutreffenden kleinen Beobachtungen aus den Niederungen des täglichen Lebens. Manchmal brechen die beiden auch aus dem alpenländisch-musikalischen Lokalkolorit aus und gehen auf europäische Entdeckungsreise, überraschen das Publikum mit Bluesklängen oder krachig-bayrischem Rap.
Bei diesen Gelegenheiten zeigt sich, dass Göttler und Kraus musikalisch feine Kost servieren können. Das liegt zum einen daran, dass ungewöhnliche Instrumentenpaarungen wie Tuba und Harfe neue, spannende Akzente setzen können. Zum anderen sind Kraus und Göttler sehr begabte Instrumentalisten, die ihre Instrumente weit über die begleitende Funktion hinaus ausreizen. Göttler bezeichnet sich selbst als „Knopferldrucker“, woran man erkennen kann, dass sein Spott nicht einmal vor ihm selbst haltmacht. Gemeint ist die diatonische Knopf-Harmonika, die er umfangreich einbringt. Das Instrument war auch maßgebliche Stütze bei einem früheren Projekt Göttlers, bekannt als Bairisch Diatonischer Jodelwahnsinn. Von 1986 bis 2002 gewann die Truppe ein immer größer werdendes Publikum, worauf sie in immer größeren Räumen bis hin zu Konzerthallen gastierte. Da vermisste Otto Göttler zunehmend etwas für ihn sehr Wichtiges: den direkten, hautengen Kontakt zum Publikum. Er gründete die „Unverschämte Wirtshausmusik“, ein Projekt mit eingebauter Beschränkung, die qualitativ wahrlich keine ist.
Das Wirtshaus, als Dreh- und Angelpunkt gesellschaftlichen Lebens, ist der denkbar beste Ort für das, was unverschämte Wirtshausmusik zu sagen hat – und das ist eine ganze Menge. Das fand auch das Publikum und erklatschte sich mehrere Zugaben.
Von Christof Fiedler

