Ingolstadt: Weltstar an der Gitarre  und Königin der Nacht
Momentaufnahmen: Casey Benjamin hatte sichtlich Spaß bei seinem Auftritt (l.). Ein überzeugter Grenzgänger ist auch Marcus Strickland (r.). Die Entdeckung des Abends war der Gitarrist Peo Alfonsi, der gemeinsam mit Al di Meola auftrat. - Fotos: Woelke, Weinretter
Ingolstadt

Nicht ohne zuvor noch rasch einem geduldig ausharrenden Fan ein Autogramm gegeben zu haben. Jazzparty ist, wenn die Musiker um Marcus Strickland und Robert Glasper und sein Trio - die sich von anderen internationalen Projekten kennen - um 1 Uhr nachts gemeinsam an einem langen Tisch im Restaurant sitzen, essen und trinken, oder wenn ein paar Meter weiter den Gang entlang die Late Night Musicians in der Fortsetzung des Programms mit Open End ihre Instrumente auf der Bühne platzieren. Mitten im Geschehen, stets nah dran an den Stars der Szene ist man bei den Partys der Ingolstädter Jazztage im NH-Hotel, das für diesen Zweck statt Businessgästen Jazzmusiker und deren Fans beherbergt. Ein Musikhotel auf Zeit.

Fotostrecke: Jazzparty 1 im Stage Triva mit den Bands, Marcus Strickland´s Twi-Live sowie Robert Glaser Experiment
Fotostrecke: Jazzparty 1 - Al Di Meola und The Brand New Heavies

Und so kommt das Publikum bei der Jazzparty 1 am Freitag - an diesem Abend gefühlt weniger gedrängt als in den vergangenen Jahren - auch dem Gitarrengott Al di Meola recht nah. Der Weltstar sitzt auf der Bühne und zeigt stoisch, dass Schnelligkeit keine Hexerei ist. Er ist dabei ein Meister der Brüche, unberechenbar und beiläufig kommen die Dissonanzen, die Wechsel in den komplexen Mustern daher. Der 62-Jährige webt melodische Fäden und konterkariert sie mit abrupten Dissonanzen. Zelebriert ohne Pathos, verführt mit klar gesetzten Akkorden und lichten Läufen. Es ist eine Zeitreise, auf die er sich mit seinem Gegenüber, dem nicht minder großartigen Gitarristen Peo Alfonsi, in einem begnadeten Miteinander begibt. Es ist so etwas wie die Quintessenz des jahrzehntelangen Schaffens. 40 Jahre ist es her, dass der italo-amerikanische Fusion- und Jazz-Gitarrist sein erstes Solo-Album vorlegte, "Land of the Midnight Sun". Er spielt Stücke aus seinem aktuellen Album "Elysium", darf aber nicht von der Bühne, bevor er nicht das legendäre "Mediterranean Sundance" gespielt hat.

Wie Tag auf Nacht folgt die nächste Band. Statt kunstvoller und virtuoser Gitarrenklänge tanzbarer Soul-Funk. Die Brand New Heavies verwandeln den Raum vom ersten Moment an in einen zuckenden Dancefloor. Die Musikerinnen und Musiker der britischen Acid-Jazz- und Funkband, die ihre ersten Gigs Mitte der 80er-Jahre auf illegalen Warehouse-Parties spielten, geben ein unglaubliches Tempo vor und bieten eine mitreißende Show. Schräg und schrill. Glitzernde Hemden, Breze am Handgelenk, coole Sonnenbrillen und geballte Spielfreude. Simon Bartholomew, Matt Steele, Bryyan Corbett, Kenji Fenton , Hannah McGuigan und Luke Harris spielen all ihre Hits - wie "Dream on Dreamer", "Never Stop" oder "Midnight at the Oasis" und lassen die tanzenden Fans atemlos zurück.

Vor allem Sulene Fleming lässt nicht locker, das Publikum in Bewegung zu setzen, und ist nicht nur die Queen of the Night, die Königin der Nacht. Die 38-Jährige macht mit ihrer unglaublich kraftvollen Stimme, ihrer Omnipräsenz und ihrem Spirit so ganz nebenbei und nonchalant die miserable Frauenquote der diesjährigen Jazztage wett. Neben China Moses, die auch im Programm der Künstlerinnentage geführt wurde, sind die Frauen auf den Bühnen bedauerlicherweise an zwei Händen abzuzählen. Ist Jazz etwa Männersache?

"Experimentell und ohne Schranken" ist an diesem Abend im Saal Triva das unausgesprochene Motto. Jungbrunnen für den Jazz. Frisch und unverbraucht. Die jungen Wilden stehen für visionäre Ideen, wie man Jazz, R&B und Hip-Hop verbinden kann. Der New Yorker Saxofonist, Komponist und Bandleader Marcus Strickland feiert mit Kyle Miles, Charles Haynes und Chad Selph eben diese bestechende Mischung. Klanggewitter, fein nuancierte Musikspiralen. Ein fragiler, energiegeladener Komos.

Tiefenentspannt sind auch Robert Glasper und sein Trio: Vicente Archer, Damion Reid und Casey Benjamin. Sie verwandeln den Raum schon nach dem ersten Stück - zum Unmut der Fotografen, die nur während der drei ersten Stücke fotografieren dürfen - in eine Dunkelkammer. Clubatmosphäre, die Fans rücken dicht und nah an die Bühne. Der 38-jährige Glasper, der 2013 mit dem Grammy Award für das beste R&B-Album und 2015 mit dem Grammy in der Kategorie "Best Traditional R&B Performance" ausgezeichnet wurde, zeigt sich um ein weiteres Mal als leidenschaftlicher Grenzgänger. Mal Jazz, mal Funk und Soul. An diesem Abend wenig Hip-Hop, stattdessen eine große Dosis Vocoder-Gesang. Ein Erlebnis.

Jazzparty ist, wenn es bei der Dichte der Stars und der erhofften und erwartbaren Highlights überraschende Entdeckungen gibt. Etwa eben den Sarden Peo Alfonsi, ein Jazzgitarrist erster Klasse, bescheiden an der Seite von Al di Meola. Irgendwann ist er - mit seinem Gitarrenkoffer auf dem Rücken - in die Nacht entschwunden.