Ingolstadt: Keine Frage des Stils
Keine Hemmungen: Das Tingvall Trio kommt recht traditionell daher, schert sich aber nichts um Stilfragen. Die Gruppe ist der Beweis, dass aus Popstrukturen mit karibischen Grooves auch Jazz entstehen kann - wenn man's kann. Das Trio beherrscht es meisterhaft.
Ingolstadt

Psychedelische Sounds füllen den Raum: "Welcome-Party" 2016 im NH-Hotel.

Hattler hat der gleichnamige, legendäre Kraan-Bassist sein neues Projekt nach Tab Two genannt. Das Prinzip ist ähnlich: Grenzen ausloten. "Waiting" ist zwischen Nujazz und Dancefloor angesiedelt, "Sunny Joey" bedient sich beim Soul und manchmal geht's ab in den Orient. Hattler hält sich vornehm zurück, zeigt aber zwischendurch, was richtiges Bassspielen ist. Kompliment auch an Thorsten de Winkel, der das seelenlose Skalen-Genudel hinter sich gelassen hat und sein eigenes Ding durchzieht.

Knapp eine Stunde vorher haben Eckhard Meszelinsky und DuckTapeTicket im hinteren, voll besetzten Saal die Zuhörer auf eine ganz andere Reise mitgenommen. Zu den gediegenen Arrangements des Pianisten Christian Dellacher liefern sich Saxofonist Meszelinsky und Violinist Paul Bremen bei "Run for your life" ein spannendes Solistenduell, das Anna-Sophie Dreyer (Viola), Veit Steilman (Cello) und Jan Niemeyer mit einer lockeren Textur unterfüttern. "Paris" entstand vor den Anschlägen und ist eine lyrisch angehauchte Pop-Nummer mit an- und abschwellenden Streichern, perlenden Pianoläufen und solistischen Einlagen von Saxofon und Cello. Doch die Melange von innovativen jungen Talenten und kreativem Art-Rock kennt keine Berührungsängste: treibender Jazzrock mit gezupftem Cello und einer Geige als Rhythmusgitarre oder orientalisch angehauchte Mitklatsch-Nummern bilden eher Ansporn denn Hürden.

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Mentale Vorbehalte sind auch dem Tingvall Trio völlig fremd. Angesiedelt auf einem äußerst hohen musikalischen Niveau, reißt das mehrfach ausgezeichnete Trio die Zuhörer mit seiner Spielfreude einfach mit. Wenn ein schwedischer Pianist (Martin Tingvall), ein Hamburger Drummer (Jürgen Spiegel) und ein kubanischer Bassist (Omar Rodriguez Calvo) aufeinander treffen, entsteht ein kreativer Kessel unter Hochdruck. Und wenn die Musiker Dampf ablassen, ist von Latin und Pop bis Hochgeschwindigkeits-Jazz und heroischen Walzeranmutungen alles drin. Ein bisschen Posen am Piano ist genauso dabei wie Entertainment, entspannter Barjazz ("Beat"), dramatische Wendungen oder ein Stück wie "Den Gamla Eken" (auf deutsch "Alte Eiche"), das ohne weiteres als Titelmelodie von "Liebe am Fjord" durchgehen könnte. Klingt banal - bis Calvo am Bass die Melodieführung übernimmt, Latin-Grooves in einem langen Drumsolo enden oder Tingvall plötzlich kaskadenartig auf die Tasten einhämmert. Und der Jazz sich seinen Weg bahnt.