Claus Woelke

Porter war bereits bei den Jazztagen 2014 in der Stadt und sein damaliges Konzert hat einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Und so scheint es, als würde der Mann mit dieser einmalig strahlenden Baritonstimme zusammen mit seiner Band nahtlos an die damalige Stimmung anknüpfen. Es braucht nur ein paar Takte der Band und eine erste Liedzeile, bis erneut klar ist, welch eindrucksvoll überragende Stimme die Ingolstädter Jazztage auch in diesem Jahr wieder zum Höhepunkt führt.

Natürlich ist der Konzertabend im Stadttheater das unbestrittene Highlight der diesjährigen Jazzsaison, jeder Ton von der Bühne unterstreicht diesen Anspruch. Denn nicht nur der 45-jährige Sänger aus Los Angeles mit der markanten Ballonmütze samt Schlauchschal um den Kopf steht für diese Extraklasse, auch seine fünf Begleitmusiker tragen wesentlich ihren Part dazu bei. In besonderem Maße Tivon Pennicott mit seinem Tenorsaxofon. Die Stimme Porters und die Töne aus dem Sax gleiten förmlich ineinander über und kreieren einen Sound – einfach zum Dahinschmelzen. Aus Porters dunkler, ausdrucksstarker und scheinbar mühelos über mehrere Oktaven reichenden Stimme quillt so viel Einfühlungsvermögen, Hingabe und Sehnsucht, dass man sich einfach nur fallen lassen möchte. Porter und seine Band haben die Hits aus den vergangenen Alben ebenso im Programm wie die Lieder der neuen Scheibe „Takt Me To The Alley“. Alle sechs Mann auf der Bühne schaffen es in dem gut hundertminütigen Nonstop-Bühnenprogramm mit diesem Repertoire, das Qualitätslevel unvermindert hoch zu halten.

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Natürlich ist Porter im Jazz zu Hause, aber aus den Songs klingen auch reichlich Soul, Blues und Gospelanklänge. In dieser dunkel tönenden Melange aus Stimme, Instrumentalsound und Stilelementen gelingt ihm das riskante Kunststück, viele Menschen in seinen Bann zu ziehen, ohne den Massengeschmack zu bedienen. Kein Wunder, dass Porter in den letzten Jahren als bester Jazzsänger mit Preisen geradezu überhäuft wurde. Dem Publikum reichen die ersten Takte seiner Songs, um sie bis hinauf in die Ränge mit aufbrausendem Jubel zu begrüßen.

Das Zusammenspiel mit seinen Musikern ist Teil dieser Faszination, die Porter und seine Band schon von den ersten Klängen an über den sonst so technisch-nüchtern wirkenden Festsaal legen. Der bärtige Bariton gibt jedem von ihnen die Gelegenheit für ein Solo und Bassist Jahmal Nichols führt die Zuhörer dann gleich mal in einem gezupften aggressiven Alleingang in den tiefen Keller der Töne. Porter holt ihn mit seiner Stimme im Untergeschoss wieder ab, lässt die Band aufschließen und das Publikum klatscht den Takt fieberhaft mit. Auch der Pianist Albert Crawford, Ondrej Pivec an den Hammondtasten und besonders Drummer Emanuel Harrold geben in Soli wie im sanften Untermalen der Stimme Porters ihren maßgeblichen Anteil dazu. Sie sind es auch, die ein ganz neues Klangbild schaffen, wenn Porter alten Klassikern wie „Papa Was A Rolling Stone“ von den Temptations in seiner Version einen ganz eigenen, kribbelnden Charme verleiht.

Einen der besonderen Momente dieses Abends aber behält sich Porter für sich alleine vor. Nur der Mann am Flügel begleitet ihn ganz dezent zu der Ballade „The Night Has Fallen“. Alleine mit dieser unaufdringlichen zarten Klavieruntermalung kommt die ausdrucksgewaltige Stimme Porters in all seinen Nuancen und Schattierungen so faszinierend zur Geltung. Diese Momente sind es im ganz Besonderen, bei denen die Menschen in den Reihen mit gefesseltem Blick den Atem anhalten. Die Ruhe, die in diesen Momenten den Festsaal anfüllt, ist fast körperlich spürbar – bis der Applaus losbricht.

„Clap your hands in the rhythm of your heart“, fordert er auf und die Welle brandet im Staccato durch den Saal. Porter und seine Band bauen mit jedem Song, mit jedem Instrumentalsolo eine Fieberkurve auf, die auf hoher Temperatur anhält. Eine Zugabesequenz muss reichen, danach gehen trotz minutenlangem Applaus die Lichter an.