EIN NEW-ORLEANS-FEST


Jürgen Schuhmann

Sazerac hat die Bude voll im Griff. Die Buben aus dem Norden um ihren Gitarristen und Sänger Max Oestersötebier heizen die Stimmung im Daniel mit flottem Swing und heißen Riffs mächtig an und bringen Dampf in die Stube. Es reicht ihnen nicht, den Sound im Stil des New-Orleans-Jazz sprühen zu lassen, sie wollen die Leute auf der Tanzfläche haben. Diese Wild Boys gehen frontal auf ihr Publikum ein, Oestersötebier holt die Leute als witziger Entertainer vor die Bühne. Für klasse Musik hat er seinen Trompeter Christian Altehülshorst, den Posaunisten Lars Bechstein und Alexey Malakhau am Saxofon. Zusammen mit Bass und Drums holen sie prickelnden Straßengroove ins Wirtshaus. Der Trompetensound ist ein akustischer Leckerbissen, die Skalierungen flattern leichtfüßig aus dem Messing, und auch das Saxofon steht in nichts nach. Zum Finale drehen sie den Spieß dann um. Sie tragen den Groove auf die Straße zurück, nehmen die tanzenden Leute mit und feiern ein New-Orleans-Fest vor dem Lokal. Die Nachttemperaturen sind egal, der brodelnde Rhythmus der Band liefert Hitze genug.

Lorenz Erl

 

PUNKTGENAU UND FURIOS

 

Jazz? Funk? Rock? Psychedelic? Ja. Und zwar all das zusammen. Stilistisch zu verorten, was Etienne Mbappé und seine „Propheten“ im Diagonal auf die Bühne brachten, ist schwer. Bei einer anderen Frage gab es hingegen keinerlei Zweifel: Der Kameruner Mbappé und seine französischen Mitspieler waren gut, phasenweise sogar überragend. Der Bandleader und Bassist unterfütterte die sehr wandlungs- und abwechslungsreichen Stücke des Septetts mit pulsierenden, pumpenden Basslinien, lieferte hier und da eine irrwitzige Einlage, war insgesamt aber vor allem auf eines bedacht: Homogenität. Atemberaubend, wie leise und doch punktgenau die Musiker einerseits agierten, um im nächsten Moment mit furiosen Bläsern und rasenden Snarewirbeln wieder Fahrt aufzunehmen – wobei insbesondere der junge Drummer Nicolas Viccaro mit druckvollem und kreativem Spiel glänzte. Aber es wurden auch ernstere Töne angeschlagen: So verarbeitete der Kameruner seine persönlichen Gedanken zur Flüchtlingsdebatte.

Anton Kostudis

Fotostrecke: Jazz in den Kneipen Teil 1
Fotostrecke: Jazz in den Kneipen Teil 2


 

SCHNÖRKELLOSER DELTABLUES

 

In der Neuen Welt braucht es nicht viel Drumherum, um Freunde des schnörkellosen Mississippi-Deltablues’ beseelt nicken und wippen zu lassen: „Blues and Trouble are my best friends.“ So nimmt Corey Harris die Ingolstädter mit in die oft beschwerliche Lebenswelt der Schwarzen in den US-Südstaaten. Harris ist ein absoluter Meister seines Fachs: inspirierte Melodien, leidenschaftliche Stimme und eine derart exakt klirrend-klar verstärkte Akustikgitarre, dass sie sich den Gästen fast körperlich spürbar in die Gehörgänge schneidet. Kaum zu glauben, dass der Amerikaner erst 47 ist, der große Charlie Patton, den Harris mit einem „Pony-Blues“-Cover würdigt, hätte seine wahre Freude an diesem legitimen Erben gehabt. Doch Harris schlägt auch die Brücke von „Mississippi to Mali“, mischt den kargen Südstaatenblues mit afrikanischen Klängen und kreiert so spannende, erfrischend neue Songs. Davon hätte so mancher Gast in den dicht konzentriert und ohne Pause gespielten zwei Stunden gerne noch mehr gehört.

Eva Chloupek

 

PRICKELND ANDERSARTIGE KLÄNGE

 

Die Stuhlreihen im Museum für Konkrete Kunst sind fast leer. Sieben Karten wurden im Vorverkauf abgegeben, dazu noch ein paar Gäste an der Abendkasse. Kaum ein Dutzend Zuhörer interessieren sich für die Musik von Christoph Pepe Auer und seinem Quintett. Das Desinteresse ist zumindest für all jene unbegründet, die den Mut für ungewöhnliche ethnisch-experimentelle Klänge haben. Drehleier, Ziehharmonika und Bassklarinette sind eben keine gängigen Jazzinstrumente. Aber im Zusammenklang mit Drums, Cello und Keyboard bekommen diese balkanlastigen Klänge eine eigenwillige Faszination. Keine Musik also, die an jeder Straßenecke zu hören ist. Die vier Musiker um den Tiroler Klarinettisten Pepe Auer und die Zuhörer verlieren bald die Distanz zueinander. Und diese persönliche Intimität lässt den besonderen Reiz, die Zutraulichkeit dieser prickelnd-andersartigen Klänge erfühlen. Pepe Auer reizt seine Bassklarinette facettenreich aus, und schafft mit seiner Band zusammen fesselnde Weltmusik.

Lorenz Erl

 

ANSTECKENDE LÄSSIGKEIT


Jürgen Schuhmann

Der Mix macht Stimmung und geht sofort in die Beine. Im Mo haben The Bahama Soul Club das Publikum nach dem ersten Song auf ihrer Seite. Manche Besucher können schon nach dem ersten Ton nicht mehr ruhig sitzen oder stehen. Wahrscheinlich die größten und treuesten Fans, die bereits im vergangenen Jahr bei den Ingolstädter Jazztagen von der Gruppe aus Braunschweig restlos begeistert waren. Moderner Soul, Jazz, Funk, Bossa Nova, Latin-Elemente und afrikanische Rhythmen ist das musikalische Erfolgsrezept des Abends. Vor allem, wenn die charismatische und gut gelaunte Sängerin Olvido Ruiz, heuer „The Lady in Red“, mit großartiger Stimme und sprühendem Charme auf der Bühne auftaucht. Mit locker-leichter Lässigkeit und wunderbarem Understatement begeistern die Musiker – Eddie Filipp, Lars Lehmann, Ralli King, Andreas Meyer, York Ostermayer und Oliver Belz – mit Rhodes- und Hammond-Sound, Congas und Saxofon, Gitarre oder Bass. Ein mitreißendes Konzert, ein fantastischer Live-Act.

Katrin Fehr

 

REISE NACH HAVANNA

 

Warmes Ambiente und mediterrane Speisen – das verbindet man mit dem Ingolstädter Lokal Ölbaum. Kommt dann noch kubanische Musik dazu, ist die Mischung perfekt. Kein Wunder also, dass „One Night of Buena Vista“ restlos ausverkauft ist. Die Besucher drängen sich dicht an dicht in das kleine Lokal, und die Temperaturen klettern schnell nach oben. Innerhalb kürzester Zeit ist es so warm wie in Havanna – und auch sonst hat man das Gefühl, man hätte eine Reise über den Ozean gemacht. Denn Luis Frank Arias , Träger des Deutschen Jazzpreises, und Lazara Cachao , die ihn am Piano begleitet, spielen mal melancholische, mal mitreißende Lieder. Nach kurzer Aufforderung der beiden Musiker stehen die Zuschauer auf und starten ihre ersten Salsa-Versuche. Bald überrollt Begeisterung jegliches Schamgefühl, und das Publikum singt nicht immer spanisch korrekt, dafür aber umso begeisterter mit.

Jessica Roch

 

ATEMBERAUBEND VIRTUOS

 

Das Kap 94 ist neu im Reigen der Jazztage-Bühnen. Und hat mit der Band Kitchen Circus einen fulminanten Einstieg hingelegt. Die drei jungen Musiker – in der klassischen Rockbesetzung Gitarre, Bass, Schlagzeug – bezeichnen ihre Musik als Jazzrock. „Das ist der Sound, den wir im Kopf haben“, sagt Schlagzeuger Oliver Kügel. Jazzrock, das klingt ein wenig nach 70er-Jahre, nach „Weather Report“ und Klaus Doldinger. Aber der Ingolstädter Oliver Kügel, Jazz-Förderpreisträger des Jahres 2013, Bassist David Thornton und Gitarrist Jonathan Schmid gehen mit den Begrifflichkeiten so locker um wie mit den Stilen, die sie im Kopf haben. Da mischen sich komplexe Rhythmen mit kernigen Bluesriffs, der krachende Highspeed-Gitarrenlauf ist nur einen Atemzug von der zarten Jazz-Ballade entfernt. Atemberaubend virtuos ist das, was die drei da machen, enorm druckvoll, voller überraschender Ideen und sehr lebendig. Das Publikum im liebevoll renovierten Gewölbe des früheren Clubs „Batterie“ ist begeistert.

Johannes Greiner