Ingolstadt: Das Geheimnis der Drachenhörner
Drachenzähmen leicht gemacht: Die Musiker von SaxShop und die Schauspieler Paula Gendrisch (links) und Michael Amelung (rechts) enterten als Musikpiraten die Werkstattbühne. - Foto: Nassal
Ingolstadt

Dabei wären sie doch so gern echte Musikpiraten. Aber pssst, plötzlich erhebt sich eine Melodie aus dem Dunkel des Zuschauerraums. Und von der Bühne antworten zwei Stimmen. Eine vierte mischt sich dazu. Das klingt! Nein, das swingt! So hören sich richtige Musikpiraten an. Hilde und Tim verstecken sich hinterm Plastikgebüsch und hören verzückt zu.

Dem "Drachenjazz" widmete sich das Kinderkonzert im Rahmen der Ingolstädter Jazztage in der Werkstatt des Stadttheaters Ingolstadt. Denn SaxShop, bestehend aus Nicolai Pfisterer, Julian Schunter, Paul Stoltze und Sebastian Nagler, hatten Instrumente mitgebracht, die möglicherweise aussehen wie Saxofone, in Wirklichkeit aber Drachenhörner sind. Hörner von einem schwarzbuckligen Wiesendrachen, einer ostfriesischen Gelbbauchechse, einem Silberpfeildrachen, einem ausgewachsenen Sumpfdrachen. Allesamt aus der Sammlung von Frau Mahlzahn.

Frau Mahlzahn? Klar, kennt man aus "Jim Knopf". Einst hatte diese furchterregende Drachendame entführte Kinder mit Rechenunterricht malträtiert, später verwandelte sie sich dann in den Goldenen Drachen der Weisheit. Eine kluge Entscheidung, ihre wertvolle Drachenhornsammlung ausgerechnet diesen vier jungen Männern zu überlassen. Denn sie nutzen diese Instrumente, um das Publikum spielerisch in die Welt des Jazz einzuführen.

Unterstützt werden sie dabei von Paula Gendrisch und Michael Amelung, zwei Schauspielern des Jungen Theaters, denen auf der Bühne zur Belustigung des jungen Publikums alles misslingt, was sie anpacken: von der Begrüßung (gleichzeitig mit unterschiedlichen Texten oder in vereinter Stille) über das Musizieren (schepper, schepper, gröl) bis zur Gefangennahme des Quartetts (dabei verheddern sie sich selbst im Tau). Sie geben aber nicht nur ein keckes Clownduo ab, sondern übernehmen auch die Mittlerfunktion zwischen Band und Zuschauern, erzählen die Geschichte weiter, animieren zum rhythmischen Klatschen und Schnipsen oder holen Kinder auf die Bühne - um die magischen Drachenhaare zu suchen (Applaus für die furchtlose Sophia!) oder deren Wirkung zu testen. Denn mit ihnen kann man die Musik verändern: laut-leise, an-aus, schnell-langsam. Ganz nebenbei demonstrieren die vier unerschrockenen Sax-Piraten mit Verve und Virtuosität, was Jazz so alles sein kann, wie über ein Motiv improvisiert werden kann, wie sich die Soli abwechseln, die Einzelstimmen wieder zusammenfinden, die Instrumente aufeinander hören und antworten, welche Bedeutung Rhythmus und Tempi haben und wie facettenreich Jazz überhaupt klingen kann - und dass neben Standards auch Hits wie "Englishman In New York" oder "The Lion Sleeps Tonight" darunterfallen können.

Und weil Kinderpublikum immer unberechenbar ist (Da kommt auf die Aufforderung "Gib mir ein A!" schon mal aus dem Zuschauerraum ein "A" gekräht), ist dieser Drachenjazz für alle (Musiker und Zuschauer, Alt und Jung) ein äußerst beschwingtes, unterhaltsames Abenteuer. Großer Applaus!