Ingolstadt: Mystische Klangwelten
Saxofonist Jan Garbarek nutzte die besondere Akustik des Ingolstädter Münsters und erzeugte zusammen mit den Sängern des britischen The Hilliard Ensembles eine spirituelle Sphärenmusik - Foto: Löser
Ingolstadt

Der weite Bau schafft den Platz, um der asketischen, schnörkellosen Klangfülle ihrer Stimmen den Raum zur Entfaltung zu geben. Der Countertenor David James, die Tenöre Rogers Covey-Crump und Steven Harrold sowie Bariton Gordon Jones geben hier beim Hauptevent der diesjährigen 29. Ingolstädter Jazztage zusammen mit dem norwegischen Jazzsaxofonisten Jan Garbarek ihr einziges Deutschlandkonzert in diesem Jahr. Das britische Quartett und der skandinavische Ausnahme-Saxofonist haben mit ihrem unvergleichlichen Sound den Welthit „Officium“ geschaffen und auch im Liebfrauenmünster entwickeln sie den Zauber dieser spirituellen Intonationen. Die vier Vokalisten und Garbarek schaffen mit ihren Interpretationen im Stil fast schon gregorianischer Gesangstradition eine unwirkliche, mystische, spirituelle und nicht greifbare Stimmung.

Fotostrecke: Jan Garbarek & The Hillard Ensemble


Das Saxofon und die Stimmen wachsen aus demselben Ursprung, umkreisen einander, berühren sich und stoßen einander wieder ab. Sie sind wie die Pole zweier sich drehender Magneten, ein Stück weit eng aneinander haftend und dann wieder auf schwebender Distanz beieinander. Das Publikum in den dicht besetzten Bankreihen und auf den Stühlen bis hinein in die letzten Kirchenwinkel ist gefesselt. Kein Husten, kein Räuspern unterbricht die mystische Aura und selbst das leise Knarzen der Eichenbänke stört. Schon von Beginn ihres Konzertes an schaffen die fünf eine eigene Dramaturgie.

Jan Garbarek bummelt aus einer Nische neben dem Hauptaltar durch die Apsis, Applaus empfängt ihn. Kurz verbeugt er sich vor dem Publikum und nimmt das Sopransaxofon an den Mund. Mystisch anschwellenden Klängen lässt er Kadenzen folgen und wandert dabei wie ein verträumter Spaziergänger durch das Sanktuarium. Von irgendwo im undefinierbaren Hintergrund flechten sich Stimmen ein, schwellen an und geben sphärisches Volumen. Die Chorsänger wandeln bedächtig zwischen den Bankreihen sternförmig zum Altarraum und halten die Klangbalance aufrecht. Wie rankendes Efeu wachsen Stimmen und Saxofon aus einer Wurzel, verzweigen sich und klettern in gleicher Richtung und doch auf unterschiedlichen Pfaden die mächtigen Säulen des Kirchenschiffes empor demselben Ziel zu. Der leichte Nachhall im weiten Raum reflektiert zurück zum Altar und schafft zusätzliche Atmosphäre.

Eine Stunde und fünfzehn Minuten lang fügen sie Lied an Lied und instrumentale Improvisationen aneinander. Keine Pause unterbricht die Abfolge. Jan Garbarek unterstreicht Nähe und Distanz seiner umrankenden Jazzklänge auch physisch. Immer wieder wandelt er in sich gekehrt und mit seinem Instrument an den Lippen durch das Kirchenschiff, den Blick auf die Kalksteinpflaster gesenkt. Ähnlich, wie sie gekommen sind, verschwinden die fünf Musiker singend und spielend schließlich in die Nische am Hochaltar. Die Mystik bleibt noch eine kleine Weile, bis frenetischer Applaus sie fortspült.