Ingolstadt: Ingolstädter Adventskalender
Lutz Hoffmann.
Ingolstadt

Schnells Warnung rundete damit gestern eine wichtige von Isabella Kreim kompetent moderierte Podiumsdiskussion unter dem Titel "Gespräch über Theaterräume von morgen" im Stadttheater Ingolstadt ab. Denn in dem Gespräch wurde immer wieder der Wunsch formuliert, Theatersäle sollten flexibler sein, sehr unterschiedliche dramaturgische Konzepte zulassen, der gesamte Raum sollte im Grunde von allen Seiten und an jeder Stelle bespielbar sein. Manche Teilnehmer redeten von "amorphen Räumen" oder von "Möglichkeitsräumen", von Räumen also, deren Sinn und Zweck erst noch gefunden werden müssen. Architekten wirken bei solchen Gesprächen manchmal auch etwas hilflos: Reinhold Daberto formulierte das so: "Wir versuchen weiter in die Zukunft zu denken, aber dann stellen wir bald fest, dass die Künstler noch weiter denken."

Im Mittelpunkt stand eine Präsentation des Entwurfs der Kammerspiele Ingolstadt durch den Architekten Xavier Fabre. Wobei bald klar wurde, dass nach dem Einspruch des Gestaltungsbeirats, der die Architektur des ersten Plans als zu groß und voluminös bewertete, das letzte Wort über die Gestaltung der Kammerspiele noch längst nicht gesprochen ist. Xavier Fabre nahm die Ingolstädter Unentschiedenheit mit Humor und verglich das Vorgehen mit einem Adventskalender: Hinter jedem Türchen wartet eine neue Überraschung.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion baten wir jeden Teilnehmer um eine kurze Stellungsnahme.

 

  • Herr Hoffmann, sind Guckkastenbühnen ein Auslaufmodell für zeitgemäße Theaterbauten?
 

Lutz Hoffmann: Für ein zeitgemäßes Theater der Zukunft benötigen wir sehr flexible Bühnen, die sehr unterschiedliche Inszenierungskonzepte zulassen. Aber die Guckkastenbühne, wie wir sie im Großen haus des Stadttheaters Ingolstadt haben, wird nicht aussterben. Die Guckkastenbühne sollte allerdings nicht so starr sein, dass es nicht möglich ist, auch andere Formen zu entwickeln.

Lutz Hoffmann ist Technischer Direktor des Theaters Junge Generation, Dresden.

 

  • Herr Radicke, Sie sind selber gerade dabei, ein Theater in Dresden zu bauen. Haben Sie einen Ratschlag?
 

Mario Radicke: Sie sollten keine zu schnellen Entschlüsse fassen und Vertrauen zu den Leuten aufbauen, die das Projekt planen. Man sollte sehr genau zuhören: Was hat der Planer sich dabei gedacht? Wir haben die Erfahrung gemacht: Was im ersten Schnellschuss abgeschmettert wurde, muss nun teuer nachträglich hinzugekauft werden und belastet den Betrieb. In der Staatsoperette wurde leider an der Akustik gespart. Jetzt stellt sich plötzlich heraus, dass natürlich die Akustik gerade für Musiktheater extrem wichtig ist. Im laufenden Prozess des Baus versuchen wir nun nachzubessern - für ein Publikum, das nicht nur sehen möchte, sondern in einer Guckkastenbühne auch hören. Mein Ratschlag also: miteinander reden und Vertrauen schaffen.

Mario Radicke ist Technischer Direktor der Staatsoperette Dresden.

 

  • Herr Podt, wie sollte ein modernes Theater speziell für junge Leute aussehen?
 

George Podt: Ich glaube, es gibt keinen großen Unterschied zwischen Theater für ältere Menschen und einem Jugendtheater. Man sollte Theater so verstehen, dass es eine Begegnungsstätte ist, dass es über flexible Räume verfügt, und die sollten zudem noch so praktisch gebaut sein, dass man sie gut handhaben kann. Dann sind alle Wünsche bereits erfüllt.

Georg Podt ist Intendant der Schauburg München.

 

  • Herr Daberto, wie viel Flexibilität benötigt Theater? Braucht eine moderne Bühne auch Möglichkeitsräume, deren Zweck vorher noch gar nicht definiert ist?
 

Reinhold Daberto: Ich denke, das benötigen Theater mehr denn je. Zu der Zeit als das Ingolstädter Stadttheater gebaut wurde, wusste man, wie ein Theater auszusehen hat. Diese Gewissheit ist uns inzwischen genommen worden. Das hat auch seine guten Seiten, wenn wir über Einbeziehung Neuer Medien und neuer Besuchergruppen diskutieren. Da liegt es auf der Hand, dass wir mehr Flexibilität brauchen. Aber das ist so leicht dahingesagt: Flexibilität. Es geht um die richtige Flexibilität, baulich realisiert. Diese Räume sind deshalb nicht ausformuliert, weil sie multifunktional sind. Das ist eine Chance und eine Aufgabe für das Theater, diese Räume zu füllen.

Reinhold Daberto ist Mitarbeiter der Theapro Planungsgesellschaft.

 

  • Herr Fabre, sind Theater in erster Linie funktionale Orte, in denen Theater gespielt werden kann oder sind sie bauliche Skulpturen mit repräsentativer Wirkung?
 

Xavier Fabre: Ein Gebäude muss immer beide Funktionen erfüllen. Ein Theater muss innen flexibel und gut nutzbar sein und außen Attraktivität besitzen, damit die Leute auch hingehen. Ein Theater ist eigentlich immer ein Monument in der Stadt. Ein Standbild für Sprache und Geschichte. Für mich muss das allerdings nicht unbedingt eine Skulptur sein. Es ist ein Ort, der vermittelt zwischen einer guten Geschichte und dem Publikum. Daher hat das Foyer heute eine sehr wichtige Funktion. Früher war das ein Salon, heute ist es eher wie eine Halle. Und was wir uns bei den Ingolstädter Kammerspielen vorstellen, ist eine offene Gastronomie, neben den Werkstätten, die jeder Bürger einsehen kann. Zu dem Foyer gehört die Wiese des Klenzeparks, wo sich die Menschen treffen können, zum Reden und Essen. Später können sie ins Theater treten, die Stadt betrachten und ein Theaterstück anschauen. Das Theater ist kein Monument. Für mich ist die Wiese das Monument.

Xavier Fabre ist Architekt der Kammerspiele im Klenzepark in Ingolstadt.