Ingolstadt: In 720 Minuten um die Welt
 
Ingolstadt
Die Einmal um die Welt. In 720 Bildern aus 40 Ländern ordnet sie jede Minute einem Ort zu. 6.04: Barcelona, 6.09: Peking, 11.55 Uhr: Ingolstadt, 15.10 Kioto.

Eine Stunde dauert diese außergewöhnliche Weltumrundung. Zwölf synchronisierte Diaprojektoren hat Martini in der Galerie im Theater Ingolstadt aufgestellt, die mit jeweils 60 Bildern bestückt sind. Eine Minute pro Bild. An diesem Samstag wird die Ausstellung „On Time“ eröffnet.

Vor 20 Jahren hatte die reiselustige Studentin an der Hochschule der Künste in Berlin die Idee zu diesem Projekt, an dessen Ende rund 3000 Fotos im Archiv gespeichert sind. Rund 2500 hat sie selbst unterwegs in der Welt gemacht. Aber auch Freunde und Familienangehörige hatten auf ihren Reisen nicht nur die Sehenswürdigkeiten, sondern vor allem Uhren im Blick – und vor der Linse.

Initialzündung war der heute 38-Jährigen ein bedauernswertes Rhinozeros im Zoo. Stets im Kreis trottend, hat es einmal im Jahr einen Graben in den Boden gelaufen. Für Martini „die absolute Analogie, wie Zeit vergeht“. Selbstverständlich ist da nur, dass das Nashorn in einer riesigen Vergrößerung einen Ehrenplatz in der Ausstellung bekommt. „Ich habe das Originalfoto 20 Jahre mit mir herumgetragen“, erzählt Alexandra Martini.

Die gebürtige Ingolstädterin, die als Professorin für Grundlagen der Gestaltung an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig lehrt und vor zehn Jahren schon einmal Mülleimer weltweit fotografiert hat, ist eine Sammlerin. Von flüchtigen Momenten im weltumspannenden Zeitgefüge, von Uhren in ihrer unterschiedlichen Ästhetik und Funktion, aber auch von Geschichten. Martini lenkt den Blick unaufgeregt und dem Zufall folgend auf alltägliche und außergewöhnliche Situationen, auf Menschen in ihrem Lebensumfeld, auf die Vielfältigkeit der Welt: in ein Wohnzimmer auf den Kap Verden, ins Katharinen-Gymnasium in Ingolstadt, in ein Sportzentrum in Iran oder zur Oper in Sydney.

Die Bilderschau funktioniert auf vielen Ebenen. Als physikalisches Experiment mit Weltkarte, Zeitzonen und einem Kompass, mit dem der Besucher die Bilder in Relation zur Normalzeit setzen kann. Die bildbasierte Weltzeituhr ist im Moment eines Wiedererkennens des Ortes aber auch Auslöser für persönliche Erinnerungen. Oder aber visueller Stellvertreter für die Freude am Reisen, an Veränderung, am Verweilen und an der Freude am aufmerksamen Blick. Und wer will, kann dem Bilderreigen rund um die Zeit und ihrer Vergänglichkeit auch einen philosophischen Hintergrund abgewinnen.

Manchmal werden die Fotografien aber auch zur Chronik, zum Archiv. Einige Gebäude sind inzwischen dem Erdboden gleichgemacht, andere erstrahlen in neuem Glanz: der Palast der Republik in Berlin oder die Frauenkirche in Dresden. So weit muss der Betrachter gedanklich aber nicht immer reisen. Fotografien von Ingolstadt, wie das Gebäude des Bahnhofs oder das Gießereigelände, haben sich längst verändert. Im Lauf der Zeit.