Ingolstadt: Herrlich respektlos
Starke Botschafterin für den Chanson: Anna Janina und ihr "Liederliches Stück" sind ein Erlebnis. - Foto: Hammerl
Ingolstadt

Rotzfreche Texte, von der attraktiven jungen Ingolstädterin mit immenser Bühnenpräsenz und völlig ungekünstelt vorgetragen, dazu ihre unglaublich wandelbare, klangschöne Stimme bescheren dem Publikum einen unvergesslichen Liederabend. Dazu braucht es nicht einmal bekannte Gassenhauer. Die sind natürlich dabei. Für "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" von Friedrich Hollaender hüllt sich Anna Janina in eine Federboa, die sie ihrem ererbten Freund, dem alten Überseekoffer, entnimmt, und dämpft ihre Stimme, zart, leise, aber keineswegs eine Imitation Marlene Dietrichs, denn Anna Janinas Vortrag ist melodiöser, stets viel mehr Gesang als Sprechgesang. Temperamentvoll mit neckischem Augenzwinkern ins Publikum behauptet sie "Eins und eins das macht zwei", herrlich respektlos die Ballade "Die Hosen der Jungfrau von Orleans" von Ralph Benatzky.

Liebe und Liebesleid, Treue, oder besser gesagt das Gegenteil, Sex, Kinder, der Tod - kein Thema des Lebens bleibt ausgespart im "Liederlichen Stück", das gut 100 Jahre Chanson-Geschichte überspannt und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Was das Publikum mit teils deutlich hörbarem Lachen quittiert, wenn Anna Janina von "Wenn ick mal tot bin" schwärmt oder in "Ach Mama, ihr ahnt es nicht" einen Brief an die Frau Mama vorsingt, in dem sie naiv-fröhlich ein von Cousin Eugène erfundenes Spiel beschreibt und schließlich mit unschuldigem Augenaufschlag beteuert, sie sei Mamas Wunsch gefolgt, sich von fremden Männern fernzuhalten. Rebellisch gibt sie sich für Hugo Wieners Lied "Aber der Nowak lässt mich nicht verkommen", sentimental bis selbstironisch "Nanna Lied" von Kurt Weill, lächelnd beschreibt sie Liebeswirren aus der Feder der zeitgenössischen Liedermacherin Anna Depenbusch - "Tim liebt Tina". Im Mittelpunkt stehen Lieder von Hollaender, seiner Frau Blandine Ebinger und deren Schwiegersohn Georg Kreisler, aber auch Edmund Nick, Werner Kruse, Friedrich Rauchbauer und Werner Brandin kommen zu Ehren.

Charmant, verführerisch, sexy, schon anrüchig, klar, aber mit nur einer winzigen Spur Laszivität kommt Anna Janina umwerfend natürlich und authentisch rüber, ob in schwarzer Hose und Top oder im roten Zwanzigerjahre-Fransenkleid. Was sie singt, glaubt man ihr sofort. Und wie sie singt! Das wunderbare Timbre ihrer klangschönen, dabei sehr klaren Stimme leidet nicht einmal, wenn sie nebenbei Pizza isst - passend zu Depenbuschs Liedtext "Benjamin". Dessen Liebesgeschichte beginnt mit Pizzaessen und endet in einem gesungenen Orgasmus - amüsant, ironisch, keineswegs abstoßend.

Friedrich Rauchbauer am Klavier erweist sich als kongenialer Partner, musikalisch wie als Stichwortgeber oder für kleinere mimische Einlagen. Angst vor ihrer Pistole? Klar, die zeigt der Pianist, worauf sie ihm versichert: "Fritz, ich brauch dich doch noch". Wie die Requisiten aus dem Koffer, Meersand, eine Muschel, die Federboa, Geldscheine und kleine Papierschnipsel, nicht zu vergessen die Leiter, auf die sie zum Singen steigt. Zwei im doppelten Sinne liederliche Stunden, die wie im Flug vergehen - da verschafft die Zugabe "Beiß dir die Zunge ab" von Georg Kreisler nur einen kleinen Aufschub. Chansons und Anna Janina, das ist eine Kombination mit Suchtpotenzial.