Ingolstadt: Ganz und gar ein Theatermensch
Zum 250. Geburtstag des Komponisten präsentierte das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou eine konzertante Aufführung von Johann Simon Mayrs Rarität „Ginevra di Scozia“ in Ingolstadt - Foto: Löser
Ingolstadt
Dabei macht es Mayr dem heutigen Publikum nicht leicht. Er ist einer der besten Opernkomponisten seiner Zeit. Zweifellos. Aber warum eigentlich? Mayr hat keine Opernschlager zum Mitpfeifen geschrieben wie Bellini, Donizetti oder Verdi. Ihm sind keine überwältigenden Orchesterstücke in seinen Opern gelungen wie etwa Rossini mit seinen genialen Ouvertüren. Er war kein Neuerer der Opernform wie Richard Wagner und kein Meister der absoluten Musik wie Beethoven oder Mozart. Eine paradoxe Situation.

Dass eine Oper wie „Ginevra“ das Publikum so überwältigt, hat einen anderen Grund: Mayr ist ganz und gar ein Theatermensch. Er kann wie kaum ein anderer Komponist in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, er kann die Zweifel, die Verwirrung, den Neid, die Habgier, die Freude und den Hass der Menschen so plastisch musikalisch schildern wie kaum ein anderer.

Dabei geht er allerdings ungewöhnlich vor. Denn die großen theatralischen Momente spielen sich gerade nicht in den üblichen Ensemble-Szenen ab, in den Arien, Duetten, in den Chorsätzen oder den Orchesterzwischenspielen. Sondern in den mit Orchester begleiteten Rezitativen. Hier gelingt es Mayr am besten, die Stimmungsumbrüche seiner Protagonisten lebendig werden zu lassen.

Ein hervorragendes Beispiel für Mayrs Kunst, in der Oper „Ginevra“ größere Szenenkomplexe zu gestalten, ist der Moment, in dem Polinesso im ersten Akt die Fäden seiner Intrige zu ziehen beginnt. Der adelige Polinesso liebt im Geheimen die Königstochter Ginevra, die wiederum aber mit dem Feldherrn Ariodante zusammen sein möchte. Podinesso redet Ariodante nun ein, dass Ginevra ihm untreu sei und sich nachts mit ihm, Podinesso, treffen möchte. Das verunsichert den Feldherrn im höchsten Maße. Im vom Orchester begleiteten Rezitativ dramatisiert Mayr durch den schnellen Wechsel von Harmonien und den Einsatz von immer wieder plötzlich abreißenden Melodie-Partikeln reaktionsschnell die Stimmungen der Personen: vom Hass des Polinesso, der Verunsicherung und dem nagenden Zweifel Ariodantes, seiner Eifersucht bis hin zur bösen Vorfreude des Intriganten. Das ist grandiose Theatermusik, die allerdings nur im Gesamtzusammenhang der Oper funktioniert. Und sie ist zukunftsweisend. Denn sie nimmt den weiteren Verlauf der Operngeschichte vorweg, sie überwindet bereits den Antagonismus von handlungsorientiertem Secco-Rezitativ und melodischer Arie.

Mayr benötigt somit für seine Operndramen weniger schön tönende Belcanto-Sänger als vielmehr große Persönlichkeiten, Sängerdarsteller. Und die genau standen auf der Bühne des Ingolstädter Festsaals bei der Aufführung von „Ginevra“ am vergangenen Freitagabend. Gerade die Altistin Anna Bonitatibus in der Hosenrolle des Ariodante reizte die dramatischen Momente ihrer Partie lustvoll aus. In Momenten totaler Verzweiflung kann sie schluchzen, die Töne nur noch dahinhauchen. Während sie im Augenblick des Triumphs mit magischer Intensität die Töne in den Saal trompetet. Fast noch überwältigender sang Myrtò Papatanasiu als Prinzessin Ginevra. Ihr dramatischer Sopran ist glänzend geführt, wirkte aber gerade im ersten Akt in der Höhe ein wenig schrill. Über einen durchdringenden Tenor verfügt Mario Zeffiri (Polinesso), eine echte Belcanto-Stimme mit schönem Timbre und großer Flexibilität. Magdalena Hinterdobler als Dalinda ist eine grandiose, temperamentvolle Sopranistin mit unverbrauchtem Stimmmaterial, deren expressiver Ausdruck allerdings noch nicht mit demjenigen ihrer Kollegen mithalten kann. Und auch der kurzfristig eingesprungene Peter Schöne als König machte mit seinem warmen, voluminösen Bartion Eindruck. Genauso wie Stefanie Irányi (als Lurcanio) und Marko Cilic (Vafrino).

Das vorzügliche Solistenensemble wurde vom Rundfunkorchester unter der Leitung von George Petrou kompetent und präzise begleitet, der Heinrich-Schütz-Chor agierte makellos und professionell. Allerdings vermochte das eigentlich vorzügliche Münchner Orchester nicht ganz mit diesem rauen und wilden Tonfall zu musizieren wie kürzlich die Hofkapelle München auf Originalinstrumenten unter der Leitung von Andreas Spering bei der Premiere von Mayrs „Adelasia ed Aleramo“. Dennoch: ein grandioser, wenn auch etwas zu langer Opernabend. Und ein gewaltiger Erfolg für Simon Mayrs Musik.