Fabelhafte Kammermusik
Ingolstadt (DK) Ungewöhnliche Besetzungen lassen auf außergewöhnliche musikalische Erfahrungen hoffen. Deshalb Neuartiges zu erwarten würde allerdings eine Haltung offenbaren, die musikgeschichtlich schon überwunden ist.
Im 19. Jahrhundert suchten die kunstsinnigen Bürgerlichen, dem Nihilismus konfrontiert, aber noch im Glauben, damit nicht leben zu können, Weltfluchten wo immer es ging. Musik sollte eine irgendwie jenseitige Welt eröffnen. Das war eine ernste Angelegenheit. Entsprechend musste, wer Erfolg haben wollte, sich inbrünstig der Sache verschreiben. Daher die krasse Humorlosigkeit eines Großteils der romantischen Musik – und das Virtuosentum, das kaum nur als artige Artistenvorführung wahrgenommen wurde, sondern verzückte, entführte und erlöste. Noch François Borne und schon Niccoló Paganini tickten gemäß jener Zeit. Was heute im Master in Instrumentalmusik Standard ist, war für diese, die man sich wohl als verbissen vorstellen darf, füglicher Ausdruck ihres Geltungsbedürfnisses: Technik, an die physikalischen Grenzen des Instruments wie an die anatomischen der menschlichen Hand getrieben.
Brillante Flötistin
Die brillante Flötistin Anne-Cathérine Heinzmann sowie der, einer stupenden Reinheit des Tones fähige, Bratscher Roland Glassl waren da anachronistisch orientiert: Technik um der Technik Willen. Dabei wäre doch Bornes Fantasie über Motive aus der Oper "Carmen" so herrlich ironisch inszenierbar, lassen sich doch mit ihren völlig überzogenen Koloratur-Parodien jeder Belcanto-Wahn aufs Korn und mit der tendenziell überdramatisierenden Einsetzung des unsterblichen, aber gerade deshalb nicht totzukriegenden, Habanera-Themas diesem seine forcierte Sinnlichkeit nehmen. Paganinis Etüden bewegen sich in ihrer überintensiven Formelhaftigkeit am Rande der Lächerlichkeit – und das gab Glassl immerhin zu, mit seinem, vielleicht sarkastischem Lächeln bei einer mit der linken Hand zu zupfenden Triller-Simulation. Ob er nun aber beweisen wollte (warum sollte das nötig sein), dass die Bratsche zu Ähnlichem zu gebrauchen sei, wie die Teufelsgeige, blieb unklar, zumal er in sehr hohen Lagen und Tempi an seine technischen Grenzen stieß.
Dies galt glücklicherweise nicht für die zweite Programmhälfte. Charlotte Balzereit, zuvor auf eine weitgehend begleitende Funktion reduziert, konnte endlich die Harfe als vollgültiges Instrument hervortreten lassen. Mit Jan Bachs "Eisteddfod", das in einem postmodern-spielerischen Anachronismus die Idee eines traditionellen walisischen Wettbewerbs von Dichtern und Musikern aufnimmt, entfalteten die Drei in einer beträchtlichen Präsenz einen imponierenden Variationen-Zyklus. Wunderbar hier die wirklich bratschengemäße Behandlung der Viola, die Glassl überwältigend klar und prächtig tönen ließ; faszinierend die außergewöhnliche und doch der Flöte wie auf den Leib geschriebene Textur, bei der Heinzmanns großes kammermusikalisches Gespür bei enormen klangtechnischen Anforderungen im Zusammenspiel offenbar wurde; eigenwillig in einer nur der Harfe möglichen Unaufdringlichkeit und dann auch einfach ganz unumwunden, atemberaubend schön beim Aufstrahlen der walisischen Melodik die hohe musikantische Kunst und Einfühlung von Balzereit.
Intime Klänge
Entsprechendes dann auch beim Klassiker für diese Besetzung, der Sonate von Debussy, nur im Charakter ganz gewandelt, introvertierter, in den einzelnen Stimmen viel mehr noch aufeinander verweisend, in musikalischer Gemeinschaft ganz intim, fast persönlich interpretiert. Fabelhafte Kammermusik! Davon wäre mehr noch besser gewesen.
Von Sebastian Ullrich

