Ingolstadt: Dunkel der Geschichte erhellt
Geschichte hinter dem Vorhang: Im Untergeschoss des Holdt-Hauses sind besonders markante Fresken-Fotos beleuchtet - Foto: bfr
Ingolstadt
Einen Lamellen-Vorhang beiseiteschieben müssen die Besucher der Ausstellung „Untergrund. Geschichte. Vor Ort.“ im Holdt-Haus am Viktualienmarkt, wollen sie weitere Fotos der Fresken der Augustinerkirche sehen, die am 9. April 1945 durch Bomben zerstört wurde. Vorher muss man die eiserne, teils rostige Wendeltreppe hin-absteigen in den Keller, wo der Künstler Ludwig Hauser mehrere leuchtende Fotos aufgehängt hat. Leuchtend nicht nur, weil er damit und mit den transluzenten Kästen im Erdgeschoss, auf denen Schwarz-Weiß-Fotos die Ruinen der Kirche und die spätere Nutzung des Platzes dokumentieren, im wahren Sinn des Wortes „Licht“ in das Dunkel der Geschichte bringt. Das Transluzente verweist auch auf die Herkunft der Fotos der barocken Deckenfresken: Ab 1943 ließ das damalige NS-Propaganda-Ministerium wertvolle Decken- und Wandfresken in Deutschland fotografisch dokumentieren. In Ingolstadt entstanden so Dia-Serien der barocken Augustinerkirche und der Asamkirche Maria de Victoria. Seit zwei Jahren sind sie als Bilddatenbank im Internet zugänglich.

Das hat sich Ludwig Hauser zunutze gemacht und für die Ausstellung, die Brücken schlägt von der Geschichte in die Gegenwart, Repros dieser 75 Dias als Serie erstellen lassen, zusätzlich einzelne Motive ausgewählt und vergrößert, die die Legende der Schuttermutter erzählen. Sie stellen die Schändung der Marienstatue durch als Juden identifizierbare Menschen dar und die Rettung der Statue durch als solche erkennbare Ingolstädter Bürger. So erzählten und begründeten die barocken Freskenmaler die Vertreibung der jüdischen Gemeinde im Mittelalter von diesem Areal, auf dem dann eine Marienkapelle, später die Augustinerkirche gebaut wurden.

Im Keller des Holdt-Hauses erzählen moderne Künstler die Geschichte weiter, beleuchtet die Videokünstlerin Cendra Polsner einen Raum mit Lichtzeichen, die, aus dem Davidstern und germanischen Runen entstanden, sich an der Deckenkonstruktion brechen. Die Lichtinstallation lässt jene Zeit aufflammen, deren verbrecherische Taten grausamst mehr zerstörten als die Augustinerkirche vor Ort. Menschenleben, millionenfach. Auch jene 73, die Schutz suchten vor den Bomben im Kellergewölbe der Kirche und dort starben. Die Ausstellung führt so (bis 30. Mai) Hausers Gedenk-Kunstwerk „VITRINE“ am Viktualienmarkt weiter, jenen Glaskubus mit der bronzenen Erinnerungsplatte auf heimischem Kalkstein. Dieser, nicht neu, trägt Spuren seiner Geschichte und der Region.

Die Reihe der begleitenden Vorträge startet morgen, 18 Uhr, im Holdt-Haus mit Stephan Klingen, Zentralinstitut für Kunstgeschichte München.