Ingolstadt: Die Seele in den Verdauungsorganen
Das Herz fehlt dem etruskischen Torso aus dem 3. oder 4. Jahrhundert vor Christus, ansonsten ist er sehr gut erhalten. - Foto: ahl
Ingolstadt

Manche antiken Theorien muten allerdings mehr als seltsam an. Aristoteles meinte, weibliche Babys würden geboren, wenn in der Entwicklung im Mutterleib etwas schiefgelaufen sei. Schon in der Antike gab es Widerspruch. Der berühmte Arzt Galen argumentierte, es könne nicht sein, dass 50 Prozent der Menschen eine Fehlentwicklung seien und plädierte für die hippokratische Puzzletheorie, wonach Mann und Frau jeweils viele kleine Teile zu dem neuen Wesen beitrügen. Eine Theorie, die dem heutigen Wissen relativ nahekommt. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass natürlich der männliche Samen aus Galens Sicht das steuernde Element war.

Die Fortpflanzung ist eines der acht Tentakel der Oktopus-Metapher, die Namen gebend für die Ausstellung ist. Sie stammt aus der Schule der Stoiker, die davon ausgingen, dass sich die Seele wie die Arme eines Oktopus durch den Körper ziehe. Dabei stehen die acht Tentakel für acht Fähigkeiten - die fünf Sinne, dazu Sprache, Vernunft und eben die Fortpflanzung.

Wo aber sitzt die Seele? Im Herzen, wie es die Kardiozentristen vermuten? Im Hirn, wie die Anhänger des Enzephalozentrismus behaupten? Sitzt sie als ernährende Seele in den Verdauungsorganen? Oder durchzieht sie wie das Pneuma, was mit Atem, Luft oder Hauch übersetzt werden kann, den ganzen Körper? Die Vorstellung von "Mens sana in corpore sano", vom gesunden Geist im gesunden Körper, war für den Menschen der Antike ein Dogma - und ist heute im ganzheitlichen Ansatz der Medizin oder der Psychosomatik wiederzufinden.

Um die antiken Vorstellungen verständlicher zu machen, hat Kuratorin Uta Kornmeier sich eines Übersetzers bedient, des Grafikers Christoph Geiger. Er hat teils sehr technisch anmutende Bilder geschaffen, die aber auf den ersten Blick erkennen lassen, wie sich die Menschen damals ihren Körper erklärten - den Magen beispielsweise als Kochorgan, in Analogie zum Kochvorgang. Bewegung einerseits, Ernährung und Diätetik andererseits sind also keineswegs Erfindungen der Neuzeit, ihnen wurde schon vor 2000 Jahre Bedeutung zugemessen. Nur die Methoden waren andere. So wurde vor Völlerei und Maßlosigkeit als gesundheitsschädigend gewarnt und dann eben nach einem Gelage erbrochen.

Der eigenen Seele nachspüren lässt sich im Zentrum der Ausstellung, einer Video-Kunstinstallation von Esteban Núñez. Hier steht oder sitzt der Besucher, abgetrennt durch undurchsichtige Vorhänge von den Exponaten und den neun großformatigen Plakaten, die von der Ausstellung der Charité in Berlin übernommen wurden, und kann sich auf die Suche nach der eigenen Seele machen, während die Videoleinwand einen sich langsam bewegenden Oktopus oder Wasserwellen zeigt.

Obwohl die Menschen der Antike Sektionen von menschlichen Körpern verboten waren, überraschen etliche Exponate mit ihrer Detailgetreue. Da ist der etruskische Torso aus Terrakotta, der aus dem dritten oder vierten Jahrhundert vor Christus stammt. Ein sehr seltenes und noch dazu außergewöhnlich gut erhaltenes Exemplar. So wertvoll, dass Museumsleiterin Marion Ruisinger ihn nicht nach Berlin ausgeliehen hat, wie ihr vorgehalten wurde, als sie die Oktopus-Ausstellung für Ingolstadt anfragte.

Faszinierend auch der Schädelbohrer, ein ebenfalls sehr seltenes Exponat. Zu sehen sind diverse Votive, antike medizinische Instrumente und Keramiken mit medizinischem Bezug, teils aus eigenem Besitz, teils Leihgaben anderer Institute. Eine zwar etwas textlastige, aber auf jeden Fall spannende Ausstellung, die zum Reflektieren anregt.

Noch bis 15. Oktober. Di bis So. 10 bis 17 Uhr.