Ingolstadt: Die Liebe zur Physik
Anita Zieher als Madame Curie im Altstadttheater. - Foto: Pacher
Ingolstadt

Die österreichische Schauspielerin Anita Zieher beginnt ihr Einfraustück „Curie_Meitner_Lamarr_unteilbar“ als Marie Curie, die 1903 gemeinsam mit ihrem Mann Pierre und Henri Becquerel den Nobelpreis für Physik erhielt, als erste Frau damit ausgezeichnet wurde, aber erst, nachdem bei der Nobelpreis-Kommission interveniert wurde. Beim zweiten Nobelpreis 1911 dann war zuvor ihr Verhältnis mit einem verheirateten Mann bekannt geworden.

Drei Frauen, die in Naturwissenschaft und Technik Großes geleistet haben, ist der Sonntagabend in der Reihe der 21. Ingolstädter Künstlerinnentage gewidmet: der Entdeckerin der Radioaktivität, Marie Curie, der Atomphysikerin Lise Meitner, die im schwedischen Exil die physikalisch-theoretische Erklärung der von Otto Hahn und Fritz Straßmann entdeckten Kernspaltung formuliert, und der Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr, die 1942 gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil eine Funkfernsteuerung für Torpedos entwickelt auf Grundlage des gleichzeitigen Frequenzwechsels. Ohne diese wäre die heutige Kommunikation mit W-Lan oder Bluetooth nicht möglich.

Es sind ungewöhnliche eineinhalb Stunden im Altstadttheater, in denen Zieher alle drei Frauen in Mimik, Gestik, in wechselnden Kostümen verkörpert. Mal ist sie temperamentvoll, stur, konzentriert (Curie), mal fast mädchenhaftheiter, witzig-charmant (Meitner), dann stolz (Lamarr). Sie spricht in Originalzitaten, im je passenden Tonfall. Vor allem gelingt es ihr, die Begeisterung aller Drei für Forschung, Naturwissenschaft und Technik zu vermitteln. Und sie lässt mit verblüffend einfachen Mitteln – am Labortisch, an der Tafel, auf die sie mit Kreide schreibt oder auf die sie Karten mit Elementabkürzungen klebt (Raumkonzept: Eva Maria Schwenkel) – teilhaben an den Wegen zu den Entdeckungen.

Niemals ist sie eindimensional, als Curie ist sie hartnäckig und sackt verzweifelt nach dem Unfalltod ihres Mannes zusammen, um aufzustehen nach deren Prinzip, „sich nicht unterkriegen zu lassen“. Mit wienerischem Akzent erzählt sie als Lise Meitner von deren „herzlichen Liebe zur Physik“ und vom Klischee der „Mutter der Atombombe“, an deren Entwicklung die Meitner nicht beteiligt war. Als Hollywood-Diva Hedy Lamarr bedient sie das Bild, das sich die Öffentlichkeit von ihr macht, erzählt achselzuckend, dass die Torpedo-Steuerung nicht zum Einsatz kam, die Erfinderin war nur eine Frau!

Wie viel von dieser stereotypen Wahrnehmung von Frauen in der Naturwissenschaft noch heute gilt? Die Video-Einspielungen mit den drei Mädchen, die munter von Atomphysik, von der Nutzbarmachung der Radioaktivität erzählen, suggerieren die Überwindung von Stereotypen. Bis sie aus modernen Büchern zitieren. Da ist sie wieder, die Frau als diejenige, die allein wegen ihres Geschlechts nicht einparken kann. Viel Applaus für einen intensiven, lehrreichen und unterhaltsamen Abend von einer leider nur kleinen Zuschauerschar.

Der nächste Termin im Rahmen der Künstlerinnentage ist morgen, Mittwoch, 21. Oktober, 20 Uhr: Musik mit Julia Biel im Diagonal.