Ingolstadt: Die Georgier allein zu Hause
Konzert vor Publikum und Mikrofonen: Ruben Gazarian dirigiert spätromantische Werke im Ingolstädter Festsaal. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Konzerte zudem ganz ohne berühmte Repertoire-Werke sind ebenfalls selten zu finden. Aber auch das hat seine Gründe: Das Publikum möchte nicht nur neue Musik kennenlernen, sondern auch die Klassiker der Literatur hören, etwa eine Mozart- oder Beethoven-Sinfonie.

So gesehen wurde beim ersten Konzert des GKO nach der Sommerpause alles falsch gemacht: Denn an dem Abend ganz ohne Solisten standen eigentlich nur Raritäten auf dem Programm. Umso erstaunlicher, dass dem Chefdirigenten Ruben Gazarian und seinem Orchester ein faszinierendes, mitreißendes Konzert gelang, das vom Publikum ausgiebig gefeiert wurde. Die Musiker spielten tatsächlich auf höchstem Niveau.

Vielleicht hat das etwas zu tun mit den zahlreichen Mikrofonen, die an diesem Abend über dem Orchester hingen. Denn das Konzert sollte für eine CD-Produktion aufgenommen werden. Höchster Einsatz und Präzision waren also von den Musikern gefordert. Sie gaben offenbar wirklich ihr Bestes.

Und: Ruben Gazarian hatte ein vorzügliches Programm zusammengestellt, entlegenes Repertoire, aber doch Stücke, die dem Orchester ausgezeichnet liegen. Da spielte es nicht einmal eine große Rolle, dass einige Musiker des GKO wegen Erkrankung nicht mitwirken konnten und durch Musiker, etwa aus Ruben Gazarians anderem Orchester, dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn, ersetzt werden mussten.

Gazarian hatte ein Programm kompiliert, das zwischen Romantik und Klassizismus schillerte, zwischen strenger Form und emotionalem Überschwang; Werke, die alle zwischen dem frühen 19. und dem frühen 20. Jahrhundert komponiert wurden: Streicherstücke also von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) bis hin zu Paul Hindemith (1895-1963).

Bereits die Eröffnung des Konzerts zeigte großartig die Qualitäten des Ensembles. Mendelssohns frühe Streichersinfonie in h-Moll gestaltete Gazarian mit verblüffendem Reichtum an Nuancen, Klangvalenzen, fein abgetönten Differenzierungen. Faszinierend, wie der Sturm-und-Drang-Charakter der kleinen Sinfonie niemals wirklich ausbrach, sondern immer wieder geschickt gezügelt wurde und gerade dadurch eine immense Wirkung entfaltete. Ganz anders das nächste Stück, Franz Schrekers "Intermezzo". Das Orchester wirkte wie ausgewechselt, verströmte eine helle, vibrierende Schönheit des Klangs - eine sich fast schon im Augenblick verlierende Romantik.

Erneut ein Wechselbad beim nächsten Stück, Hindemiths "Fünf Stücke für Streichorchester", ein Meisterwerk des Klassizismus im 20. Jahrhundert. Man spürte plötzlich, wie nah diese Musik dem frühen Mendelssohn ist, wie viel mehr sie mit Mozart, Bach und überhaupt der Barockmusik zu tun hat, als mit dem hoch polierten Schreker (1878-1934).

Dessen "Scherzo für Streichorchester" stand nach der Pause auf dem Programm, ein eher gewitztes, spätromantisches Werk. Und dann das längste Werk des Abends, eine bearbeitete Fassung des Streichquartetts "Dem Andenken an P. I. Tschaikowsky" von Anton Arensky (1861-1906) - ein langes, grandioses Werk, das leider nur selten im Konzertsaal zu hören ist. Ein Stück zum Dahinschmelzen, das gleichermaßen den süffigen Tonfall Tschaikowskys aufgreift und ein wenig weiterführt in die Moderne. Ein Stück, das eine große emotionale Bandbreite auslotet, vom zeitweilig fast rezitativischen Moderato-Beginn hin zu den melancholischen Variationen einer Tschaikowsky-Melodie bis zu einem rasanten, hymnischen Schlusssatz. Das GKO spielte das hochsensibel, engagiert und einfühlsam, genau die spätromantische, russische Idiomatik treffend. Wir freuen uns bereits jetzt auf die CD-Veröffentlichung.