Ingolstadt: Deutsch-französische Freundschaft
Französische Musik im Mittelpunkt: Laurent Albrecht Breuninger (links), Oliver Triendl (Klavier) und das Quatuor Voce. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

"In dieser Sonate finden Sie alles, um einen Gourmet in Versuchung zu führen", meinte Camille Saint-Saëns zur Violinsonate Nr. 1 in A-Dur seines Schülers Gabriel Fauré. Das 1876 entstandene, die Gattung in Frankreich erst begründende Werk unterscheidet sich doch sehr von einer, sagen wir, Brahms-Sonate. Und das war auch Absicht, denn nach dem verlorenen Krieg wollten sich die französischen Künstler klar von Deutschland abgrenzen. Getragen von wogenden Harmonien befreit sich das Melos vom Zwang zur thematischen Arbeit, alles strömt und singt sich aus. An helles Frühlingsgrün und Blütenzauber mag man denken, wenn Triendl den üppigen Klavierpart farblich glänzend abstuft, und Breuninger, wie emphatisch davon emporgetragen, die melodischen Linien sprießen lässt, sehr sauber abgezirkelt und doch beseelt von Empfindung. In den rasant-spielerischen Passagen greifen die beiden ineinander wie ein feinmechanisches Räderwerk, in den poetischen umspinnen sie den Hörer wie mit lichten Fäden.

Eine Offenbarung war auch das hierzulande noch zu wenig beachtete Quatuor Voce. Nachdem die Cellistin Lydia Shelley (selbst ist die Frau) noch eigenhändig die Stühle gewuchtet hatte, hob es an zu einer geradezu transzendenten Interpretation des Ravel-Quartetts. Wie sicher und nuanciert gleich die erste Phrase im Raum stand, wie körperlos das zweite Thema hinterdrein schwebte, wie zartseiden die klangliche Textur gewebt war! Der Mittelteil des Scherzos aus Tönen wie Blütenblättern. Die teils komplexen Rhythmen gelangen so natürlich im Zusammenspiel wie die Bewegungen eines einzigen geschmeidigen Körpers. Das melancholische, traumartige Stimmungsbild des "Très lent" war in so subtilen Farben in die Luft gemalt, dass einen fast ein Schauer anwehte: Darf so etwas überhaupt sein in dieser Welt voller Feuer und Zorn? Scharf angerissen dann auch das Finale, erst ein kalt schneidender Sturm, dann sich lösend in ein Spiel freundlicher Gestalten.

Am Ende war dann die ganze seltsame Besetzung vereint auf der Bühne: Ein Gipfeltreffen, wie um noch einmal des 55-jährige Bestehen des Elyseé-Vertrags, des Deutsch-französischen Freundschaftsschlusses zu gedenken. Das Werk, op. 21 von Ernest Chausson, ist ein veritables Violinkonzert - nur mit Klavierquintett statt Orchester. Natürlich steht es in der französischen Kammermusiktradition, aber Chausson war Wagnerianer genug, um es mit bedeutungsschwerem Pathos (schon im dreitönigen Motto enthalten) und chromatisierter Harmonik einzudeutschen.

Das dunkle Herz des Konzerts ist ein trauervolles Grave, das, zentriert um ein desolat kreisendes Ostinato, erstaunlich modern klingt: Als wäre Schostakowitsch im dritten Akt des "Parsifal" gelandet. Laurent Albrecht Breuniger beherrscht das Konzert mit großer charismatischer Geste, ein Solo-Auftritt wie auf der Orchesterbühne. Die Übrigen spielen aber auch so süffig-symphonisch, mit so gebündelter Klangmacht, dass man es nach dem kammermusikalischen Feinheiten kaum glauben mag. Ein grandioses, begeistert beklatschtes Konzert mit erstaunlichen Entdeckungen.