Der Meister des Mysteriösen
Ingolstadt (DK) "Früher hat hier in Ingolstadt Victor Frankenstein sein Unwesen getrieben. Heute möchte ich das tun." Ganz in Schwarz gekleidet hat Wulf Dorn auf dem LeseLust-Sofa Platz genommen. Der Autor aus Ulm sieht zwar alles andere als Furcht einflößend aus – trotzdem wissen jene der 25 Zuhörer im Raum, die bereits Geschichten von ihm gelesen haben, dass Dorn sehr wohl fähig ist, Monster zu erschaffen.

Mit der fesselnde, düsteren Geschichte seines Romans "Kalte Stille" zog Wulf Dorn am Freitagabend die Zuhörer in den Bann. - Foto: Rössle
Zwei fesselnde Passagen
Wulf Dorn liest zwei Passagen aus "Kalte Stille" vor. Beide Szenen stammen vom Anfang des Romans, wo es für den Zuhörer beziehungsweise Leser noch unmöglich ist, die Tragweite des Geschehens zu begreifen. Dorn deutet lediglich an, erläutert hier und da erste Hintergründe und spinnt erste feine Fäden, wie eins mit dem anderen zusammenhängen könnte. Oder sind es nur falsche Fährten, die der Autor legt?
Dorn schafft es bei der LeseLust jedenfalls von Anfang an, seine Zuhörer in den Bann zu ziehen, die mucksmäuschenstill auf ihren Stühlen sitzen und an den Lippen des Schriftstellers hängen. Das liegt zum einen natürlich an der fesselnden, düsteren Geschichte, zum anderen aber auch an der angenehmen Vorlese-Stimme des Autors, die je nach Person und Situation variiert: Dorn ist mal der kleine und mal der erwachsene Jan Forstner, dessen Vater Bernhard oder der Chef des psychiatrischen Klinik, Raimund Fleischer.
Der Alltag als Inspiration
"Wir hätten ihm noch ewig zuhören können", ist dann auch der Grundtenor der Zuhörer nach einer guten Stunde. Aber Dorn hält sich an den Spruch, dass man aufhören sollte, wenn es am schönsten ist. Oder in diesem Fall: Wenn es am spannendsten ist.
"Kalte Stille" ist nach dem Bestseller "Trigger" der zweite Roman des Autors, der schon seit seinem zwölften Lebensjahr schreibt. Wie Dorn erzählt, würden ihn Erlebnisse im Alltag zu seinen Geschichten inspirieren. Der Geburtstort von "Kalte Stille" war eine Familienfeier. Dort habe seine Tante vom Verschwinden ihres Sohnes Thommy erzählt, der draußen im Sandkasten gespielt hatte, während sie drinnen telefonierte. Nach einer zweistündigen Suchaktion wurde der Kleine wohlbehalten entdeckt: bei den Stallhasen im Nachbarsgarten.
"Was aber wäre gewesen, wenn man Thommy nicht gefunden hätte? Hätten wir auf unserer Familienfeier überhaupt darüber gesprochen", fragte sich Dorn nach der Feier. Er beschäftigte sich daraufhin näher mit Statistiken zu vermissten Kindern und Jugendlichen – und die Handlung seines neuen Romans begann, sich langsam in seinem Kopf zu formen. Dorn ist nämlich keiner, der sich hinsetzt und einfach mit dem Schreiben beginnt, wie er sagt. "Ich plane meine Romane ganz genau voraus." Andernfalls würde er sich ständig "in irgendeine Sackgasse" schreiben.
Dennoch habe das Ende von "Kalte Stille" lange nicht festgestanden, obwohl er schon ziemlich weit mit der Geschichte fortgeschritten war. "Ich habe sehr lange selbst nicht gewusst, was mit Sven passiert ist", erklärt Dorn. "Für was ich mich dann letztendlich entschieden habe, müssen Sie aber selbst nachlesen."
Von Silvia Obster

