Ingolstadt: Das Klavierwunder
Raffinierter Klangtüftler: Roman Rabinovich spielt Mozarts Klavierkonzert KV 271 miit dem Georgischen Kammerorchester unter der Leitung von Benjamin Shwartz - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Wie man sich bettet, so liegt man, heißt es. Und wie man sitzt, so klingt auch die Musik, möchte man hinzufügen. In der Tat waren es immer wieder gerade die eigenwilligen und herausragenden Pianisten, die besonders skurrile Sitzgewohnheiten kultivierten – am auffälligsten vielleicht Glenn Gould, der viel zu tief auf seinem Hocker in Kinderstuhlgröße lümmelte und aufmerksam beobachtete, wie seine langen Finger fast auf Augenhöhe wie seltsame Insekten über die Tasten glitten.

Rabinovich jedenfalls mag es offenbar gemütlich. Im Ingolstädter Festsaal nahm er fast immer das Tempo eher heraus, anstatt zu drängen, drechselte liebevolle musikalische Wendungen, reicherte sie noch mit ein paar Trillern und anderen Verzierungen an. Und brachte damit Mozarts Töne zum Glänzen. Der 29-jährige Israeli benötigt offenbar die Zeit und die Hingabe, um noch mehr Differenzierungen, noch mehr Eleganz und Nuancen aus der Partitur herauszuholen. Dabei ist sein Klavierspiel so sprühend fantasievoll und technisch vollkommen, wie man es sonst nur von den Besten seiner Zunft hört. Und in diese Liga der Klavierlegenden gehört Rabinovich auch, obwohl er in Deutschland noch eher ein Geheimtipp ist. Unfassbar intensiv musizierte er gerade in den langsamen Kadenzen des Konzerts KV 271: Mutig dehnte er die langen Pausen noch aus und verlieh dabei den Klängen geradezu tragische Zerbrechlichkeit, während die Musik fast zum Stillstand kam. Um danach wieder in den Sog der Melodien zurückzugleiten. Was für ein Klavierwunder!

Schade nur: Die etwas pauschale Begleitung des Orchesters wollte leider zu den filigranen Pianotüfteleien Rabinovichs nicht so recht passen. Überhaupt stellte das weit herausragende Klavierspiel des jungen Israeli alle anderen Leistungen des Konzerts weit in den Schatten.

Was man fast bedauern könnte: Denn es hätte eigentlich der Abend des Dirigenten Benjamin Shwartz werden sollen, der sich von seinem Ingolstädter Publikum verabschiedete. Sicherlich ein trauriger Anlass, und deswegen hatte man wohl auch eher pessimistische Werke ausgewählt. Eröffnet wurde das Konzert mit einer echten Trauermusik: Witold Lutoslawski hatte „Musique funèbre“ Mitte der 50er Jahre zu Ehren des zehn Jahre zuvor gestorbenen Komponistenkollegen Béla Bartók komponiert. Ein epochales Werk, das Shwartz an diesem Abend mit hinreißendem Drive nach langen, sich windenden, kanonartigen Verwicklungen einem glutvoll dramatischen Höhepunkt entgegentrieb, bis die Musik todesnah in immer länger werdenden Pausen verdämmerte.

Ausklingen ließ der scheidende Chefdirigent das Konzert mit einem weiteren morbiden Klassiker: Schuberts Streichquartett „Der Tod und das Mädchen“ in einer Fassung für Streichorchester – mit zwiespältigem Ergebnis. So sehr das Stück in einem großen Saal von der orchestralen Kraftentfaltung profitiert, bedauert man doch auch den Mangel an Differenzierungen und technischer Brillanz. Vor allem aber gehen gute Streichquartette in ihrem Ringen um größtmöglichen Ausdruck oft zum physisch Äußersten, und gerade diese Grenzerfahrung wirkt so verstörend, ja beängstigend. Aber furchteinflößend war bei aller Dramatik (etwa im Schlusssatz) die Interpretation von Shwartz fast nie. Aber warum auch: Die Abschiedsreden, nachdem der letzte Ton verklungen war, hatten eher einen Unterton in mildem Dur. Denn Shwartz wird zurückkehren, als Gast, spätestens 2016.