Ingolstadt: Musik für Kopf und Bauch
Scheckübergabe: Kulturreferent Gabriel Engert (rechts) und die Vertreter von Sparkasse Ingolstadt und Media Saturn, Jörg Tiedt und Pieter August Haas, überreichten das Preisgeld an Simon Mack. - Fotos: Persy
Ingolstadt

Ein Interview eine Viertelstunde vor dem Auftritt? Was manche arrivierten Künstler zur Verzweiflung treiben würde, ist für Mack überhaupt kein Thema. "Am meisten Stress macht mir die Rede, die ich halten muss", sagt der junge Mann mit dem charakteristischen Lockenkopf. Er lässt die Sache locker angehen, spricht Bairisch und findet sogar die Zeit, die vielen Glückwünsche von Bekannten, Freunden, Mitschülern und anderen Studierenden entgegenzunehmen. Der Weicheringer, der jetzt an der Münchener Musikhochschule Schulmusik und Gehörbildung studiert, möchte gerne noch ein paar Semester dranhängen: "So in Richtung Jazzklavier." Und die nächsten Jahre die einen oder anderen Jobs machen, so wie jetzt auch schon. Mack spielt mit eigenen Bands, am Theater oder bei Festivals.

Fotostrecke: Eröffnung Jazztage
57

 

Zum Klavier hat er mit zehn Jahren gefunden (vorher spielte er Akkordeon), zum Jazz relativ früh. Nachdem er zunächst im Plattenschrank der Eltern Pink Floyd, die Stones und anderes aus den 60er- und 70er-Jahren herausgekramt hat-te, entdeckte er schließlich die Fusion-Musik. "Weather Report oder Joe Zawinul haben mir am Anfang gut gefallen", erinnert er sich. Später folgten dann Leute wie Oscar Peterson oder der von ihm hoch geschätzte Bill Evans, vor allem dessen Trioaufnahmen. Parallel dazu erhielt er intensiv Musikunterricht am Gnadenthal-Gymnasium mit unzähligen Proben und Workshops, wie er später auch in seiner kurzen Rede herausheben wird, und spielte in der dortigen Jazzband. "In einer anderen Schule wäre das nicht möglich gewesen", zollt er seinen Lehrern ein großes Lob. "Parallel dazu habe ich immer klassischen Klavierunterricht erhalten. Davon bin ich auch beeinflusst", erzählt er weiter. Musik, das ist für ihn eine Angelegenheit für Kopf und Bauch. "Wenn man nur analysiert, geht viel verloren." Gerade für ihn, der viel komponiert und arrangiert, sind die Proben mit anderen Musikern wichtig - und intensive Auftritte. "Ein Konzert braucht Momente, in denen man nur im Augenblick ist."

Zuvor steht an diesem Samstagabend jedoch noch die Verleihung des mit 5000 Euro dotierten Jazzförderpreises an, gesponsert durch Media Saturn und Sparkasse. Kulturreferent Gabriel Engert lobt Mack in hohen Tönen. Die Jazztage, heuer erstmals unter der Regie der städtischen Veranstaltungs-GmbH, sind für Engert "das bedeutendste Ingolstädter Musikfest neben den Sommerkonzerten".

Simon Bartsch, Freund, langjähriger musikalischer Wegbegleiter und Sänger in der Band, hält die Laudatio. "Dass der Simon irgendwann mal einen Preis bekommen würde, ist keine Überraschung", sagt er. Schließlich habe dieser wirklich überall mitgespielt, wo Musik erklang - sogar spontan auf der Ukulele mit einem Straßenmusiker auf der Klassenfahrt in Rom. Er lobt dessen Humor und Bescheidenheit. Ausgestattet mit dem absoluten Gehör, sei Mack nach wie vor äußerst vielseitig: Bluesband, Jazz und Auftritte am Theater, aber auch Stücke für Orgel oder Chor.

Solchermaßen gerühmt, bedankt sich Mack natürlich bei allen seinen Wegbegleitern und lässt seine Gnadenthal-Zeit Revue passieren. Auch das Musikstudium habe durchaus seine Vorteile, räumt er ein: "Es ist gar nicht so schlecht, wenn man ab und zu ein bisschen was lernt." Um dann gleich im Anschluss zu zeigen, was er denn so alles gelernt hat. Den Anfang macht - eine Verneigung vor dem großen Vorbild - eines der ersten Stücke des 1980 gestorbenen Pianisten Bill Evans. "Very Early" heißt die Komposition im Dreivierteltakt, bei der Simon Bartsch (wie noch einige Male an diesem Abend) seine makellose Stimme in Falsetthöhen schraubt.

Simon Mack hat, wie er selber einräumt, ein gewisses Faible für Balladen wie beispielsweise "Leichtschwer", die ihm, aber auch seinen Sideleuten wie Thomas Ganzenmüller am Bass oder Thomas Würflein am Schlagzeug, genügend Raum lassen, musikalische Ideen zu entwickeln. Neben "Very Early" sowie "Infant Eyes" von Wayne Shorter und (ein Ausflug in die Popmusik) "Sometimes It Snows In April" des jüngst verstorbenen Prince hat Mack alle Stücke selber geschrieben. "Tatters of Memory", eine Nummer mit treibenden Vierteln, hatte er mit Würflein und Bartsch als Trio mit dem Namen Simon und Friend bereits 2013 als Nachwuchsband im Rahmen der Jazztage in der Neuen Welt gespielt. Hinzu kommt neues Material, das er eigens für die wechselnden Besetzungen am Preisträgerkonzert komponiert hat, wozu ungewöhnlicher Weise eine Violine zählt. Die spielt Theresa Alleiger, wie Franz Jetzinger Kommilitonin Macks.

Zwei Stücke fallen etwas aus dem Rahmen: "Fuga inflexa", eigentlich eine Komposition für Orgel, ist irgendwie schräg, aber sehr erfrischend, genauso wie "Stanislaus", eine richtig treibende Funk-Nummer und zugleich Namensgeber für die Band und ein Beweis, dass Humor durchaus auch im Jazz seinen Platz hat. Es musste ein Bandname her, und warum dann nicht dieser? Lang anhaltender Beifall und eine Zugabe waren der Lohn für die Musiker auf der Bühne.

Wer will, kann den technisch versierten Pianisten Mack bei den Jazztagen heuer nochmals hören, und zwar am 24. Oktober mit der Band Mallets & Friends im Foyer des Stadttheaters. Zu den Höhepunkten gehören heuer die Konzerte von Gregory Porter (6. November), China Moses (28. Oktober) sowie von Al Di Meola, den Brand New Heavies und der Stanley Clarke Band bei den Jazzpartys (4./5. November).