Ingolstadt: "Aus der Haustür raus und losgehen"
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Ingolstadt

Die Idee zur ersten Weltentour entstand am Gipfel des "Hohen Dachstein", erzählt er. 2002 habe der Weltumweltgipfel in Johannesburg, "Rio plus 10", stattgefunden und die Entscheidungsträger hätten keinerlei Beschlüsse zum Wohl der Erde getroffen. Er habe Mahatma Gandhi gelesen, "Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest.", und fasste den Entschluss, zu Fuß in die Welt zu gehen und Initiativen zu besuchen, "die aufzeigen, wie wir bereits heute im Einklang mit der Erde leben können; ohne dass wir auf die Handlungen der Politiker angewiesen wären". Das war der Anfang. Weitere Reisen folgten. Über seine Erfahrungen, Begegnungen und Abenteuer hat der Weltenbummler spannende Bücher geschrieben und hält Vorträge. So auch beim Open-Air-Kino im Turm Baur in Ingolstadt und im Freilichttheater in Berching im Hans-Kuffer-Park.

Herr Sieböck, wie viele Paar Schuhe haben Sie durchgelaufen?

Gregor Sieböck: Gar nicht so viele. Das waren nur vier Paar. Ich achte bei der Ausrüstung auf gute und beständige Materialien. Ich habe eine kleine Schuhfirma im Waldviertel entdeckt, die Schuhe produziert, die man reparieren kann. Deswegen habe ich immer Ersatzsohlen dabei und suche mir unterwegs einen Schuster.

 

Wandern und gehen ist seit ein paar Jahren en vogue. Irgendwo läuft immer jemand auf der Suche nach irgendetwas. Was suchen Sie auf Ihren Reisen?

Sieböck: Ich weiß gar nicht, ob ich so viel suche. Ich liebe einfach die Welt. Nach einer Radtour und einer Wanderung durch die Toskana habe ich festgestellt, dass man zu Fuß viel mehr und intensiveren Kontakt mit Menschen und zur Natur hat. Dieser Austausch ist mir wichtig. Auch wenn es natürlich beschwerlicher ist, den Rucksack tragen zu müssen.

 

Haben Sie zwischendurch nicht auch mal den Wunsch verspürt, einfach in den nächsten Bus einzusteigen?

Sieböck: Eine Herausforderung war tatsächlich die Küste von Kalifornien. Da bin ich mehr als 700 Kilometer gelaufen, immer am Highway entlang. Das war anstrengend, und ich habe mich zwischendurch gefragt, ob das noch Sinn macht oder was ich mir hier eigentlich beweisen will. Ganz ungefährlich war es auch nicht, das ist im Prinzip eine Autobahn.

 

Haben manche Auto- oder Truckfahrer nicht angehalten und wollten Sie mitnehmen?

Sieböck: Ja, das gab es auch, aber ich habe abgelehnt und mich stattdessen mit ihnen verabredet, sie zu besuchen, wenn ich durch ihre Ortschaften komme. Da saß man gemeinsam am Lagerfeuer, eine wundervolle Abwechslung. Das ist überhaupt das Geschenk des Zufußgehens, trotz der immensen Anstrengung: Es sind die unglaublichen und unerwarteten Begegnungen am Wegesrand. Und ich habe vielleicht nichts gesucht, aber mich am Ende dann doch selbst besser kennengelernt. Es ist eine intensive Reise nach innen, nicht nur eine Reise nach außen.

 

Haben Sie manchmal Angst?

Sieböck: Ja, sicher. Würde ich etwa anderes behaupten, würde ich nicht die Wahrheit sagen. Ich habe aber bemerkt, dass sie sich wandelt. Das mag auch daran liegen, dass ich auf dem Jakobsweg ab der Haustür begonnen habe. Da war die Umgebung noch vertraut und ich habe Schritt für Schritt gelernt, mit der neuen Umgebung, mit der anderen Situation, mit anderen Kulturen umzugehen. Auch das Vertrauen in einen selbst wächst.

 

Gehen Sie lieber alleine oder in der Gruppe?

Sieböck: Das kann ich gar nicht sagen. Ich bin sehr gerne alleine unterwegs, habe in den vergangenen Jahren aber auch Touren mit Freunden gemacht. Wenn man in der Gruppe geht, ist die gemeinsame Ausrichtung wichtig. Ansonsten wird es kompliziert. Wenn es stimmt untereinander, dann passieren auch Wunder. Ich bin in der Gruppe auch weitergekommen und an Orte, die ich alleine nie erreicht hätte. Das ist sehr schön, ein wenig der Zauber des Unterwegsseins.

 

Sie machen auch sogenannte Wegkreuzungstouren. Wie kam es dazu?

Sieböck: Angefangen habe ich in den ersten drei Jahren mit dem Wunsch, Tokio zu erreichen. Das habe ich geschafft. Dann kam die Vision, kein Ziel mehr haben zu wollen, sondern an jeder Kreuzung immer neu zu entscheiden. Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert, und da lernt man planungsorientiertes Management. Sich auf einen Weg einzulassen und an jeder Weggabel zu entscheiden, schien mir eine gute Herausforderung und eine spannende Übung. Das besondere Geschenk dieser Touren ist mir aber erst währenddessen aufgefallen: Dass ich angekommen bin, wenn ich dort bin, auch seelisch. Ich muss ja nicht weiter, muss nicht irgendeinem weiteren Ziel entgegenstreben. Das ist in der heutigen Zeit ein riesengroßes Geschenk und eine große Erleichterung, nichts tun zu müssen.

 

Können Sie sich vorstellen, wieder sesshaft zu werden?

Sieböck: Ich liebe Österreich und bin wirklich gerne zu Hause. Ich sitze dann auf der Hausbank und habe bemerkt, dass ich einer der wenigen bin, die noch auf der Hausbank sitzen. Es ist eine aussterbende Handlung. Ich habe nicht mehr den Drang, weg zu müssen. Aber es gibt durch viele Freunde in aller Welt, durch neue Projekte und Ideen immer wieder Gründe, erneut aufzubrechen.

 

Nun hat nicht jeder Zeit, durch die Welt zu wandern oder hat ein anderes Lebenskonzept. Haben Sie ein paar Tipps für Kompakt-Erfahrungen?

Sieböck: Der eine ist, von der Haustür aus loszugehen. Ein Wochenende. Ohne Ziel und schauen, wo man hinkommt. Der zweite Rat ist, nicht zu viel zu planen, wenn man in die Welt hinauszieht. Denn die wunderbaren Erlebnisse unterwegs kann man eh nicht planen.

 

18. August, 21 Uhr: Open-Air-Vortrag im Rahmen der Erdanziehung- Fernweh-Nacht im Turm Baur in Ingolstadt. 19. August, 21 Uhr Freilichttheater im Hans-Kuffer-Park in Berching. Infos auch unter www.globalchange.at.

 

Die Fragen stellte Katrin Fehr.