Vor: Architektur wirkt!
Foto: Johannes Hauser
Ingolstadt

Die Elbphilharmonie - das Wunder von Hamburg! Selten wurde über Architektur so viel geschrieben und gesprochen wie derzeit über den Konzertsaal von Herzog & de Meuron, errichtet auf den alten Mauern eines ehemaligen Speichers. Der "glitzernde Kristall" hat einen Hype ausgelöst. Sämtliche Veranstaltungen im neuen Saal sind ausverkauft. Wer auch immer hier spielt, er spielt vor ausverkauften Rängen. Wann gab es Derartiges?

Die Superlative nehmen kein Ende: Es ist die Rede vom "vielleicht erstaunlichsten Bauwerk der letzten Jahrzehnte", einem Bauwerk, mit dem "eine neue Epoche" beginne. Wem, wenn nicht ihm, kann es gelingen, das Selbstverständnis Hamburgs zu verändern? Schon heißt es, die Stadt habe sich von einer "schnöden Kaufmannsstadt zur echten Kulturmetropole von Weltgeltung" entwickelt. Bleibt, bei aller Zuneigung zur Architektur, zu hoffen, dass darüber schließlich und zukünftig doch das Programm bestimmen wird.

Aber egal, der Moment, in dem Architektur geradezu einen Boom auslöst, darf genossen werden. Es profitiert davon auch die Musik - unter den Glücklichen das Georgische Kammerorchester Ingolstadt, das im März dort spielen wird. Hamburg wollte "ein neues Wahrzeichen für die Stadt". Hamburg bekam die "Elphi". Sie ist ein Star.

Dabei hatte der Konzertsaal durchaus zu kämpfen. Kostenexplosion und Bauverzögerung nährten die Stimmen der Kritiker, die mit Parolen wie "Elphi entern" gegen das Prestigeobjekt demonstrierten. Aber die große Mehrheit der Hamburger steht hinter ihr, die unaufhörlich Zuschauer lockt. Verglichen wird sie mit der Hagia Sophia, französischen Kathedralen oder der Oper von Sydney. Am häufigsten jedoch tauchen immer wieder Bilbao und Frank Gehry auf. Gehry ist der Architekt, der Bilbao seine Ikone schenkte: das Guggenheim Museum. Aufbauend auf seine Wirkung entstand der Begriff "Bilbao-Effekt", nach dem so viele Städte streben.

Bilbao gilt als das international erfolgreichste Beispiel der Wiederbelebung einer ehemals "dahinsiechenden Schwerindustrie-Stadt". Das Guggenheim Museum Gehrys wurde zum Symbol dieser Erfolgsgeschichte. Wie eine Perle verleiht es der Stadt Glanz. Am Ende trister Straßenfluchten schimmert das silberne Titanblech - sein Strahlen wirkt bis in die tiefsten Ecken der Stadt und tut ihr unglaublich wohl. Ein solches Erlebnis lässt die Kritik an schrägen Wänden für die Kunst verstummen. Spektakuläre Architektur wurde zum "Vehikel der strukturellen Renaissance" der Region. Kritiker sprechen dabei von Architektur als "Propagadaorgan einer noch zu synthetisierenden Kultur". Natürlich sind derlei Projekte immer eine Gratwanderung zwischen Chance und Risiko.

 

DER BILBAO-EFFEKT

Bilbao hat gewonnen. Und das vor allem, weil das Museum Teil eines Ganzen ist. Das wird oft vergessen. Nicht die eine Maßnahme brachte hier wirtschaftliches und kulturelles Wohl. Architektur schreibt selten Märchen. Vielmehr sind es auch glückliche Umstände, die das Konzept gelingen ließen - zum Beispiel, dass die New Yorker Guggenheim Foundation dringend nach neuen Einnahmequellen suchte. Aber vor allem sind es intelligente Projekte wie die Verlegung des Hafens, der Bau einer U-Bahn, eines Flughafens (und der auch gleich von Santiago Calatrava) oder die Errichtung zahlreicher Kulturbauten, die zum Erfolg führten. Doch dieser Katalog ist nicht jedem bekannt. Und so wurde Bilbao oft kopiert, aber selten in dieser Umsicht und Komplexität erreicht. Das geschah oft dann, wenn Ruhm und persönliche Eitelkeiten im Vordergrund der Überlegungen standen. Der Ruf nach einem Wahrzeichen allein ist nicht das Mittel zum Erfolg. Hybris ist ein schlechter Ratgeber und führt zu Projekten, wie sie in Santiago de Compostela zu beobachten sind. Mit der "pharaonischen" Idee, eine ganze Kulturstadt entstehen zu lassen, übernahm sich die Stadt. Die Cidade da Cultura von Peter Eisenman ist "ein isoliertes Fragment, eine kulturpolitische wie wörtliche Ruine".

 

DIE REALE KULTUR

Das Gegenteil der beschriebenen Isolierung ist die Verwurzelung von Architektur im Ort. Diese Verwurzelung ist Ausdruck eines Bedarfs, den es zu decken gilt. Er ist bereits artikuliert, ist also real oder anders gesagt: natürlich gewachsen. Architektur darf ihn stärken, wird zum Schutzraum dessen, was der Mensch oder Bürger braucht, ist durch soziale Strukturen und kreative Netzwerke mit der Stadt bereits verzahnt: Architektur als physische Präsenz bürgerlichen Willens und Schaffens, Architektur als Teil gesellschaftlicher Kultur. Oft sind es Künstler, die sich hier einbringen und die Dinge vorwärtstreiben, manchmal auch die Stadt und besonders effektiv ist es, wenn alle an einem Strang ziehen. Gerade dann kann Architektur als städtebauliche Triebfeder fungieren. Voraussetzung ist immer eine Sensibilität für den Ort. Dabei spielt seine Größe keine Rolle. Ausgerechnet die 2000-Seelen-Gemeinde Blaibach im Bayerischen Wald hat dies kürzlich bewiesen. Ihr Ortskern drohte zu veröden. Daher initiierte der Münchner Architekt Peter Haimerl zusammen mit den Bürgern mehrere Projekte. Das Gefühl des Aufbruchs sollte vermittelt werden. Der Clou der Maßnahmen ist unbestritten das Konzerthaus. Einem Meteorit gleich, scheint der gekippte Kubus mit Granitfassade in die Erde eingeschlagen zu sein. Und doch: Er ist es nicht! Denn sein Inhalt war zuerst: das Musikfestival Kulturwald, das hier nun seinen neuen Mittelpunkt hat. Es wundert kaum, dass das Projekt preisgekrönt ist. Die Jury des BDA formuliert: "Eine kleine Gemeinde zeigt den Metropolen unseres Landes, wie man sich mit Kultur und dem Anspruch auf Zeitgenossenschaft überregional aufstellen kann."

Blaibach hat Mut bewiesen. Ohne den geht es wohl nicht, denn Gegenwind gibt es immer. Den bekam auch die Stadt Lüttich zu spüren. Trotzdem schnürten die Verantwortlichen ein ganzes Paket intelligenter Maßnahmen. Wieder stand ein Projekt im Mittelpunkt des Interesses: der Bahnhof Liège-Guillemins von Santiago Calatrava, eine "Kathedrale" aus Stahl, Glas und weißem Beton. Sie wurde als Startschuss des Strukturwandels einer Stadt gefeiert, die durch den Niedergang der Montanindustrie schwere Zeiten hinter sich hatte. Heute wirbt Lüttich "selbstbewusst für sich als Kulturmetropole".

Der Zusammenhang von Selbstbewusstsein und Architektur ist interessant. Denn: Wenn Kleider Leute machen, macht Architektur Städte. Architektur ist also auch immer Ausdruck dessen, was hier tatsächlich geschieht oder aber gewünscht und gewollt wird. Hier haben Visionen ihren Platz. Je klarer das Bewusstsein für sich selbst definiert ist, desto stärker kommt es in der Stadt zum Ausdruck. Es ist kein Zufall, dass gerade die Blütezeiten in der Geschichte der Menschheit auch bauliche Spuren hinterlassen haben. Eines der einprägsamsten und deutlichsten Beispiele ist vermutlich der Eiffelturm: Das ursprünglich 312 Meter hohe Eisenfachwerk ist purer Ausdruck technischer Möglichkeiten der Industrialisierung.

Die technischen Möglichkeiten spielen demnach schon immer eine Rolle und sie werbewirksam einzusetzen ist legitim. Die Frage nach Mode und Beständigkeit ist dabei eine andere. Derzeit ist es die Stadt Linz, die wie keine andere auf den Zug der Digitalisierung aufgesprungen ist. Licht dient als Gestaltungsmittel und wird zum Markenzeichen erhoben. Nun leuchtet nicht mehr München, wie es Thomas Mann einst schrieb, sondern Linz. Die Rede ist vom Ars Electronica Center (Treusch Architecture). Bemerkenswert ist, dass es sich beim "leuchtenden Glaspalast" (zumindest bei Nacht) um einen Erweiterungsbau handelt. Damit ist klar, wohin sich die zeitgenössische Architektur entwickelt: Der Umgang mit dem Bestand ist die größte Herausforderung der kommenden Generationen. Dass auch dabei großartige Architektur entstehen kann, zeigen viele Beispiele. Eines davon ist die Elbphilharmonie.
 

WO STEHT INGOLSTADT?

Und was passiert in Ingolstadt? Ingolstadt hat gerade die Chance ein zweites Mal den Sprung in die architektonischen Geschichtsbücher zu schaffen. Vor 50 Jahren gelang das einst mit dem Stadttheater von Hardt-Waltherr Hämer. In seiner unmittelbaren Nähe könnte nun einmal mehr große Architektur entstehen. Sie muss nicht bunt sein oder leuchten. Aber sie darf verzaubern. Die Voraussetzungen dafür sind optimal: Der Bedarf ist da, Kammerspiele werden gebraucht! Dem Stadttheater mangelt es an Zusatzspielstätten und es benötigt während seiner Sanierung eines weiteren Hauses. Auch die Finanzierung dürfte keine größeren Probleme für die Stadt darstellen. Also: Nur Mut Ingolstadt! Mut zu einer Architektur, die unsere Stadt bereichert - und damit die Kultur beflügelt.