Ingolstadt: Abgründe in scharfem Licht
Einer der spannendsten Quartett-Abende seit Jahre: das Armida-Quartett in Ingolstadt. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Das vergisst man heute allzu schnell, da seit Beethoven noch weit mehr Pfeffer in Streichquartetten steckt: Mozart als angenehmer, leichter Auftakt.

Das Armida-Quartett legte im Konzertverein dagegen den Anspruch, die Komplexität, die Modernität dieser Musik offen auf den Tisch. Dabei ist das sogenannte "Jagd-Quartett" in B-Dur noch eines der harmloseren. Relativ weich und fließend artikuliert, fast mit Wiener Gemütlichkeit, spielen die vier das Fanfarenthema. Trügerisch: Denn dann wird der Blick frei für das Filigran, für die Ereignisdichte des Satzes. Leicht gefiedert flattert ein kleines Motiv durch die Instrumente, ein Halbton droht im Cello, fremdartige Akkorde stoppen die Jagd. In einem hauchzarten Pianissimo verklingend, zieht sich die Exposition gleichsam nach innen zurück. Dieser Mozart will erlauscht sein. Auch Melodien werden nicht dick aufgetragen, sondern bleiben in das Stimmengeflecht integriert, was bei wenig Vibrato einen seidenfeinen Gesamtklang ergibt. Das in seiner Tiefe, Melancholie und Zerbrechlichkeit erschütternde Adagio fassen die vier mit ganz spitzen Fingern an, tasten sich behutsam am Rand der Stille entlang. Umso schmerzhafter reißt das oftmals lautstarke Gehuste klaffende Löcher in dieses fühlende und atmende Klanggewebe.

Wie emotionale Musik ihre Intensität aus klarem, durchdachtem Spiel, aus präziser Kontrolle aller Parameter gewinnt, zeigt das Armida-Quartett auch bei LeoÅ¡ JanáÄek. Obwohl er privat nicht zu den sympathischsten Komponisten zählte, verfügte er über eine bemerkenswerte seelische Einfühlungsgabe, die er in seinem Streichquartett "Kreutzersonate" auf die Protagonistin von Tolstois gleichnamiger Novelle anwendet. Mit Fokus auf die von einem eifersüchtigen, egomanischen Ehemann gequälte Frau entwarf er ein klingendes Psychogramm dieses tödlichen Ehedramas. In der Interpretation des Armida-Quartetts gewinnen die Emotionen wie Schmerz, Angst, Sehnsucht, Getriebenheit usw. eine ungemeine Schärfe. Zudem wird JanáÄeks eigenwillige Kompositionsweise kongenial umgesetzt: Hier werden nicht Themen und Texturen entwickelt, sondern Fetzen verarbeitet; aus der tschechischen Folklore und Sprache gewonnene Motive und Klänge werden nackt und kantig zusammengefügt. Das klingt, so gespielt, bisweilen schneidender als die Messer-Geigen in Hitchcocks "Psycho". Die Seele offenbart sich wie unter einem harten, unbarmherzigen, alle ihre Verästelungen freilegenden Licht, fast möchte man sagen wie unter einer OP-Leuchte.

Wie würde ein solcher Zugriff Schuberts Quartett in G-Dur bekommen? Wer orchestrale Klangfülle und Melodienseligkeit erwartet, könnte in der Tat enttäuscht sein. Eher trocken beginnt es mit den breiten Dur-Moll-Wechseln. Und doch ist die Interpretation auch vom Klang her gedacht - nur ist der eben subtil ausgehört. Das Fett ist weg, und die Nerven liegen bloß. Was zählt, ist die Dringlichkeit der Erzählung, die Schärfe der Rhythmen, das Drama der Konflikte. Das klingt nicht immer anheimelnd. Auch die Abgründe, wie im Andante, stehen weit offen, lassen schwindeln und erschaudern. Ein wenig erinnert diese Interpretation an den großartigen Film "Mit meinen heißen Tränen", der mit allen Klischees aufräumt und Schuberts gequältes Leben in schonungslosen Bildern zeigt. Und es offenbart sich die unglaubliche Modernität von Schuberts letztem, monumentalstem Quartett. Auch beeindruckt von der Virtuosität und Konzentration der Darbietung, reagiert das Publikum mit ungewohnter Begeisterung. In der Tat, das war einer der spannendsten Quartettabende der letzten Jahre. Von dem jungen Armida-Quartett ist noch viel zu erwarten.