Atemlose Inszenierung: Paul Schaeffer (links), Philipp Lind und Katrin Kaspar in Tugsal Moguls Rechercheprojekt "Auch Deutsche unter den Opfern", das am Stadttheater Ingolstadt zu sehen war..
Atemlose Inszenierung: Paul Schaeffer (links), Philipp Lind und Katrin Kaspar in Tugsal Moguls Rechercheprojekt "Auch Deutsche unter den Opfern", das am Stadttheater Ingolstadt zu sehen war.
Loeber
Ingolstadt
Dabei ist das Thema alles andere als komisch. Tugsal Moguls Stück "Auch Deutsche unter den Opfern" kreist um den NSU (Nationalsozialistischer Untergrund). Der Strafprozess um seine Mitglieder Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt ist der größte seit der deutschen Wiedervereinigung und bemüht sich schon seit Jahren um Aufklärung. Mehr als 385 Verhandlungstage sind bisher vergangen, wovon jeder geschätzt 150000 Euro kostet. Zehn Mordopfer und unzählige zerstörte (Familien-)Leben sind wahrhaft nicht komisch. Auch nicht Bombenanschläge, Banküberfälle, Rechtsradikalismus, institutioneller Rassismus oder schlicht das banale Böse.

 

Aber das weiß Regisseurin Sapir Heller, Enkelkind von Holocaustüberlebenden, sehr genau. Sie hat für ihre Inszenierung am Zimmertheater Tübingen Moguls Dokumentar-theaterprojekt um eigene Recherchen erweitert, bringt detaillierte Fakten, Zahlen, Ermittlungsergebnisse und -versäumnisse auf die Bühne, aber zielt vor allem auf die Absurdität der Ereignisse ab, auf die Ungereimtheiten und hinterfragt in temporeicher, origineller Bildsprache die Rolle des Staates.

Am Mittwochabend war ihre preisgekrönte Inszenierung als Gastspiel im Kleinen Haus des Stadttheaters Ingolstadt zu sehen. Und obwohl das Thema NSU gerade jetzt im Fernsehen (ZDF-Dengler-Krimireihe "Die schützende Hand") und Kino (Fatih Akins Thriller "Aus dem Nichts") sehr präsent ist, war das Publikumsinteresse nur mäßig. Schade. Denn wer nicht kam, versäumte einen spannenden, informativen, hellsichtigen und bei aller Bestürzung höchst unterhaltsamen Theaterabend.

Eine riesige Stellwand mit Phantombildern beherrscht die Bühne. Dazu gibt es Fahrradteile. Und die drei Darsteller Katrin Kaspar, Philipp Lind und Paul Schaeffer tragen Fahrradoutfits. Weil auch die Täter bei der Flucht von den Tatorten Radsportkleidung trugen, liegen die Assoziationen zum Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe nah. Dabei schlüpfen Kaspar, Lind und Schaeffer nicht in deren Rollen, sondern sind Erzähler, Kommentatoren, Prozessbeobachter, Zeugen, Polizisten, Angela Merkel, Gregor Gysi und immer wieder sie selbst. Deshalb tragen sie im Stück auch ihre eigenen Namen und reflektieren über das, was sie spielen.

Am Anfang steht die Chronik der Morde - von Enver Simsek am 9. September 2000 bis zu Michèle Kiesewetter am 25. April 2007. Mit detaillierten Auszügen aus den Autopsieberichten. Und zahlreichen Merkwürdigkeiten. Später geht es um den Prozess, um Fakten und Fehler, Tatwaffen und Theorien, geschredderte V-Mann-Akten und verschwundene Zeugen. Und für all das findet Sapir Heller starke Bilder. Etwa wenn Philipp Lind die Liste der Todesopfer rechtsextremer Gewalt vorträgt, die allein zwischen 1990 und 2011 gezählt wurden. "Alles Einzeltäter", fügt er lakonisch hinzu, während Katrin Kaspar und Paul Schaef-fer dazu ein rotes Netz über die ganze Bühne knüpfen - von den Fahrrädern bis zu einzelnen Phantombildern und von dort ins Publikum. Oder die "Märchenstunde" von Katrin Kaspar über die Wattestäbchen-Panne bei der Fahndung nach einem scheinbar europaweit agierenden Killer-Phantom, das auch die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen haben sollte. Oder oder oder.

Sapir Heller findet überraschende, hintersinnige, verstörende, blitzgescheite Bühnenlösungen für die komplexe Materie und wählt dazu den passenden Sound (lässt Freddie Mercury etwa singen: "It's strange but it's true"). Und ihr Darstellertrio ist wach, frech, strotzt vor Energie, beeindruckt mit differenziertem Spiel zwischen subtiler Komik und großer Emotionalität.

Am Ende bleiben viele Fragen, nicht nur nach der Rolle des Staates, sondern auch nach der gesellschaftlichen Aufarbeitung. Ein Zitat des irischen Philosophen Edmund Burke klingt besonders in den Ohren. "Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun." Langer Applaus.

Diskussion über den NSU-Prozess: Franz Schindler, Birgit Mair, Abdulkerim Simsek und Jens Eumann (von links).
Diskussion über den NSU-Prozess: Franz Schindler, Birgit Mair, Abdulkerim Simsek und Jens Eumann (von links).
Witzke
Ingolstadt

Opfer Simsek: "Alles nur Theater"

Der NSU-Prozess bemüht sich seither um Aufklärung. Jahrelang war den Opfern mit Migrationshintergrund und ihren Familien eine Verwicklung in die Taten unterstellt worden. 13 Jahre war Abdulkerim Simsek alt, als sein Vater Enver Simsek 2000 in Nürnberg erschossen wurde. Am Mittwochabend erzählte er in Ingolstadt davon, wie man seine Familie kriminalisierte, der Vater des Drogenhandels verdächtigt wurde, die Polizei eine Geliebte erfand, um die Mutter zum Reden zu bringen. Jahrelang habe die Familie geschwiegen. Erst als 2011 der NSU aufflog, kam die Erleichterung: "Jetzt kann ich darüber reden." Über den Prozess sagt er: "Alles nur Theater." Gemeinsam mit anderen Opferfamilien hat er nun den Staat verklagt.

 

Im Anschluss an das Theaterstück hatten auf dem Podium neben Simsek auch Franz Schindler, Vorsitzender des Landtags-Untersuchungs- ausschusses zu den NSU-Mor-den, der Journalist und Prozessbeobachter Jens Eumann und die Rechtsextremismus-Expertin Birgit Mair, die eine Ausstellung über die Opfer des NSU konzipiert hat, Platz genommen und diskutierten die Rolle des Verfassungsschutzes, die mangelnden Kontrollmöglichkeiten, die Verstrickungen mit der rechten Szene, die Ermittlungspannen. Auch wenn ein Ende des NSU-Prozesses in Sicht ist, scheint eine lückenlose Aufklärung nicht möglich. Abdulkerim Simsek: "Es wäre schön, wenn ich nach dem Urteil sagen könnte, es ist vorbei. Aber so wird es nicht sein." | aw