Donnerstag, 02.09.2010 |

 

14.05.2008 20:40 Uhr | 324x gelesen
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Ernüchterndes Klangerlebnis


Bild: Ernüchterndes Klangerlebnis .  Regensburg (DK) Der Abschied von schönen Gewohnheiten kann etwas Ernüchterndes haben: Kaum hatte Jos van Immerseels Orchester Anima Eterna seinen angestammten Konzertort verlassen, musste man feststellen, dass diese sonst so grandiose Truppe in akustisch weniger schmeichelhafter Umgebung an seine Grenzen stößt. Den haarsträubenden Eindruck, den die Ouvertüre zum \

Regensburg (DK) Der Abschied von schönen Gewohnheiten kann etwas Ernüchterndes haben: Kaum hatte Jos van Immerseels Orchester Anima Eterna seinen angestammten Konzertort verlassen, musste man feststellen, dass diese sonst so grandiose Truppe in akustisch weniger schmeichelhafter Umgebung an seine Grenzen stößt. Den haarsträubenden Eindruck, den die Ouvertüre zum "Römischen Karneval" von Berlioz hinterließ, vermochte nur ein phänomenal aufspielender Rian de Waal am historischen Erard-Flügel beiseite zu wischen. Wie er in Liszts "Totentanz" die akustischen Knochen des Velodroms zum Klappern brachte, war hinreißend, das Orchester zog entsprechend mit.



Romantik in historischem Klang: Das Orchester Anima Eterna musiziert im Velodrom. - Foto: Meier
Mit Berlioz’ "Symphonie fantastique" setzte sich das Wechselbad aus klanglich matten, von Immerseel uninspiriert herunterbuchstabierten Passagen (vor allem in der "Scène aux champs") und mitreißenden, das historische Instrumentarium derb auskostenden Stellen fort. Eine schöne Idee war es, mit dem von Berlioz sanktionierten Ersetzen der Glocken durch das Klavier sein "Dies Irae" mit jenem Liszts in Korrespondenz zu bringen.

Schnell sind die weiteren Enttäuschungen dieser 24. Festivalausgabe abgehakt: Brice Duisits langatmige Troubadour-Identifikation und der an Intonationsschwächen und Stimmhochdruck gescheiterte Versuch des Ensembles "Diabolus in Musica", Machauts "Messe de Nostre Dame" ohne Countertenöre in ein neues, dunkles Klangbad zu tauchen.

Gemischt die Bilanz für die "Netherlands Bach Society", die unter Jos van Veldhoven eine in der Besetzung nicht radikal, aber doch erheblich reduzierte h-Moll-Messe Bachs zur Diskussion stellte: Das hohe chorische Tuttiniveau konnten die Solisten nicht ganz halten, die Tempodisposition war nicht durchweg plausibel und doch gab es, etwa im Credo, Momente von ungeheurer, nicht bloß äußerlich herbeigeführter Kraft.

In Sachen Barockorchester entschied dieses Jahr eindeutig Pierre Hantaïs "Concert Français" den inoffiziellen Wettstreit für sich. Dessen makellose, nicht bloß rasante, sondern frei und farbig pulsierende Deutung dreier Bach-Suiten und des 2. Brandenburgischen Konzerts setzte in diesem Repertoire neue Maßstäbe. Beachtlich aber auch die Leistungen des Prager "Collegium Marianum" mit einem von "Cracovia Danza" anmutig verkörperten Tanzprogramm und des "Capriccio Basel", das mit Alex Potter und Vivaldis "Nisi dominus" einen erstklassigen Ersatz für die erkrankte Nuria Rial aufzubieten hatte.

Bewährte Qualität boten einmal mehr die Bläser von "Piffaro" und die Regensburger Domspatzen, die zusammen mit der Berliner "Akademie für Alte Musik" langsam zu Romantik-Experten heranreifen. Die chorische Bewältigung von Mendelssohns "Eilas" war bis auf die etwas verhetzten und monochromen Favoritchor-Passagen über jeden Zweifel erhaben, von den Solisten konnte in Sachen dramatischer Zugriff allerdings nur Tenor Maximilian Schmitt restlos überzeugen.

Dem Stimmbalsamiker Marco Beasley freilich hätte auch er nicht das Wasser reichen können. Mit dem betörenden Timbre eines Italo-Schlagerbarden und phänomenaler Technik verwandelte dieser jeden Renaissance-Gesang in eine kleine wahlweise geistliche, weltliche oder volkstümliche Szene. Die Musiker von "Accordone" gaben sich gern mit der Begleitrolle zufrieden.

Auf andere Weise betörend die Kunst des spanischen Vokalquartetts "La Colombina", das mit einer seltenen Farbigkeit und Dichte Teile aus Tomás Luis de Victorias großem Karwochen-Offizium und damit eine eindrucksvolle liturgische Tradition lebendig werden ließ.

Von Juan Martin Koch

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