Eichstätt: Literarisches Fräuleinwunder
Hat schon den Peter-Huchel-Preis in der Tasche: die Schriftstellerin Nora Bossong - Foto: Buckl
Eichstätt
Zum Abschluss des Festivals „LiteraPur 12“ stellte sie den Band am Freitag in Eichstätt in einer Lesung im Kapuziner-Bau der Uni vor.

Das Literatur-Festival, maßgeblich von Michael Kleinherne und Christopher Knoll, beschäftigt am Lehrstuhl für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur, organisiert, bot eine Woche lang eine Art „literarisches Fräuleinwunder“ der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur: Bossong bildete den Abschluss und Höhepunkt einer Reihe, die auch Lesungen der Autorinnen Stefanie Sourlier, Donata Rigg und Franziska Gerstenberg und einen Poetry Slam mit Pauline Füg umfasst hatte.

„Sommer vor den Mauern“ ist nach „Reglose Jagd“ (2007) der zweite Lyrikband Nora Bossongs, die am deutschen Literaturinstitut in Leipzig sowie in Berlin, Potsdam und Rom studiert hatte. 2006 erschien ihr Debütroman „Gegend“, 2009 der Nachfolger „Webers Protokoll“. Der neue Band ist schmal – und ein großer Wurf: Von den darin enthaltenen 64 Gedichten in acht Abteilungen las die Verfasserin ein gutes Drittel, wobei sie sich als exzellente Interpretin eigener Texte erwies – bei Lesungen keine Selbstverständlichkeit!

In diesen Gedichten bietet Bossong überraschende Blicke auf das Stadtbild ihrer Heimat Bremen ebenso wie in römische Kathedralen, auf Kirchenemporen oder in das urbane Milieu amerikanischer Städte, aber auch in die Natur. Etliche Gedichte lassen eine Zyklenbildung bereits im Titel (wie „Vertikalkreis, Trinity Church“, „Orbit, Union Square“) erkennen. Aus dem namengebenden Kapitel, einer Revue der Päpste des 20. Jahrhunderts, angeregt durch eine Reihe von Mosaikporträts, die sich in der römischen Basilika San Paolo fuori le Mura (Sankt Paul vor den Mauern) findet, trägt die Autorin keinen Text vor. Doch zu hören sind Liebesgedichte („die negativen liegen mir eher“), Erinnerungen an die Tracht der Urgroßmutter im Schaumburger Land, Klagen über hässliche Wohnblocks in Randbezirken von Großstädten – und dies in klarer Sprache und unverbrauchten poetischen Bildern. Der Lyrikern stets drohenden Gefahr, sich in den Elfenbeinturm der Innerlichkeit zurückzuziehen, ist die Autorin in keinem einzigen Vers ausgesetzt.

Welche Gattung ihr eher liegt, Prosa oder Lyrik, wird sie am Ende gefragt. Ihre Antwort: „Sowohl – als auch“, sie brauche den Wechsel und bedaure Autoren, die dazu nicht in der Lage seien. Übrigens wird ihr nächstes Buch wieder Prosa sein: Im Herbst erscheint „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“, ein Roman über Aufstieg und Fall eines Familienunternehmens. Was sie an katholischen Motiven fasziniere? Wohl ihre Herkunft aus der katholischen Diaspora in Bremen, wo sie in protestantischem Umfeld aufwuchs. Und zur unvermeidlichen Frage nach dem Verdienst: Als Autorin könne sie sich durch eine „Misch-Finanzierung“ ganz gut über Wasser halten – aus Honoraren für Bücher und Zeitungsartikel, Stipendien und Preisgelder (der Peter-Huchel-Preis etwa ist mit 10 000 Euro dotiert) sowie Lesungen. Freilich: „Von Gedichtbänden kann man nicht leben!“