Eichstätt: Des Dichters Techtelmechtel mit drei Töchtern
Komische Familienkrise: Natasa Dragnic liest - Foto: Buckl
Eichstätt
Zum ersten Abend war ein überraschend großes Publikum in den Kapuzinerbau der Uni gekommen.

Als Auftakt bot die 1965 im kroatischen Split geborene und nun in Erlangen lebende Natasa Dragnic Auszüge aus ihrem zweiten Roman „Immer wieder das Meer“, einer höchst turbulenten Familiengeschichte. Die Autorin, die mit ihrem Debüt „Jeden Tag, jede Stunde“ einen Senkrechtstart hingelegt hatte, stellte eine Textpartie vor, in der acht Mitglieder der deutsch-italienischen Familie Alessi aufeinander einreden; naturgemäß dominieren in der Textpartie Dialoge.

\tIn Dragnics Sprache klingt noch leicht der harte osteuropäische Konsonantismus an, während sie sich zugleich an die weiche Vokalität ihrer fränkischen Wahlheimat assimiliert hat – man hört ihr gern zu, wenn Mutter Erika und Vater Niccolò heftig mit drei Töchtern streiten. Thema ist der Dichter Alessandro, der mit allen Dreien ein Techtelmechtel angezettelt hat. Kommentare geben auch Tante und Oma dazu ab. Entstanden ist so eine Familiengeschichte, die in ihrem Stil an den Wohmann-Ton erinnert, ebenso von der Konstellation der Figuren und Konstruktion des Plots her an deren späte Romane denken lässt. Am Ende der Lesung dieser heiteren Textpartie überrascht die Autorin aber mit einem abrupten Todesfall. \t

Im sozialpädagogischen Milieu tätig ist Leonhard F. Seidl, der danach seinen Roman „Mutterkorn“ darstellt, worin er in harter Sprache über harte Realitäten schreibt. Es geht um die brutalen und öffentlich von dumpfbackigen „Bürgern“ bejubelten Ausschreitungen gegen ein Ausländerheim in Rostock-Lichtenhagen. Die Rede ist von geworfenen „Mollis“ und vom eigenen „Iro“, der besser von der Kapuze bedeckt wird, um den „Faschos“ und „Normalos“ nicht gleich als Gegner aufzufallen. Seidls Erzähler steht ohne Distanz jugendlichen Gegnern von Neo-Nazis nahe. Wenn der Autor in der Lesung ihre Parolen skandiert („Deutschepolizisten schützendiefaschisten“), wird das Lesepult zur Agitpropbühne, der Erzähler zum Mitmarschierer; Aufklärung und Inhalt sind vorrangig vor der Form, wie eingespielte Videosequenzen („Ich suche immer Möglichkeiten, eine Lesung aufzupeppen“) zeigen. Böse Zungen nennen solche Romane Betroffenheitsprosa.

Die lautesten Lachsalven für seinen „Krisen-Text“, einen Auszug aus dem Roman „Was wir erben“, erntet Björn Bicker – obwohl er das von Seidls Lesung verstörte Publikum auf Ernstes einstimmt: „Ich widme die Lesung Freunden, die heute Abend auf dem Taksir-Platz unterwegs sind“. Bald aber merkt man, dass die Geschichte kurios komische Züge zeigt. Es geht um die 19-jährige Schauspielschülerin Elisabeth, deren Rollenlehrer Thomas sie besucht, um mit ihr für ihre Rolle als Jungfrau von Orleans spontane Übungen auf dem Fensterbrett zu improvisieren – was mit einem Polizeieinsatz und der Entjungferung der jungen Mimin endet, die dabei Schillers „Jungfrauen“-Monolog deklamiert.

Bicker liest in einem rasanten Tempo fast ohne Sprechpausen – und doch versteht man überraschenderweise jedes Wort. Die reglose Körperhaltung und todernste Miene stehen im wohlkalkulierten Kontrast zum überaus komischen Inhalt, der die Zuhörer fast zu heiterer Rage hinreißt.