Eine: "Bitte ein Autogramm ins Hausaufgabenheft!"
Foto: DK
Eine

Das Cover des neuen Buches hängt als gerahmtes Poster über dem Schreibtisch: Schwarz ist es diesmal, zeigt ratlose Kinder und schockstarre Tiere. Und trägt einen Titel, der alarmiert: "Versteinert!" Morgen erscheint er, der neunte Band der "Schule der magischen Tiere". Mit einer Startauflage von 60 000 Exemplaren. Und Autorin Margit Auer findet das immer noch total aufregend. Schließlich ist der neunte Band sehr dramatisch. Durch eine Verkettung gleich mehrerer unglücklicher Vorfälle versteinern die magischen Tiere - und wachen aus dieser Versteinerung nicht mehr auf. "Das passiert ungefähr auf Seite 100. Ich bin mir sicher, dass keiner das Buch zur Seite legen wird", sagt sie.

2013 erschien Band 1 der Reihe "Die Schule der magischen Tiere" im renommierten Carlsen-Verlag. Zum ersten Mal machten da die Leser Bekanntschaft mit diesem kauzigen Mister Morrison, der Inhaber einer magischen Zoohandlung ist. Alle seine Tiere können sprechen. Und als seine Schwester Miss Cornfield Lehrerin an der Wintersteinschule wird, hat das für ihre Klasse weitreichende Folgen: Denn Mister Morrison versorgt ihre Schüler mit magischen Tieren. Die stehen ihren menschlichen Freunden oft dann mit Rat und Tat zur Verfügung, wenn sie selbst nicht mehr recht weiterwissen. 18 Kinder haben auf diese Weise einen Freund fürs Leben gefunden. In gewöhnlichen Unterrichtsstunden trifft man in diesem speziellen Klassenzimmer etwa auf Fuchs und Krokodil, Koala und Schimpanse, Pinguin, Fledermaus und Pinselohrschwein.

Das heißt - würde man treffen, wenn man Mitglied dieser verschworenen Gemeinschaft wäre. Denn die bindet ein Schwur: "Niemals, niemals sprechen wir mit anderen über das magische Tier." Alle anderen sehen nur - Stofftiere. Denn die magischen Tiere können "versteinern". Das passiert auch in Band 9. Nur ist das diesmal einem Unfall in der Forscherwerkstatt geschuldet. Und die Tiere verharren in dem Zustand. Die Kinder sind verzweifelt. Und setzten all ihre Hoffnung auf Mister Morrison und die Tiere, die noch in der magischen Zoohandlung warten.

Nicht mal fünf Jahre liegen zwischen Band 1 (der mittlerweile in der 24. Auflage gedruckt wird) und Band 9 der Reihe, die Carlsen den größten Kinderbucherfolg in der Verlagsgeschichte nach "Harry Potter" und "Conni" eingebracht hat und Margit Auer, die mit ihrem Mann und drei Söhnen in der Eichstätter Altstadt lebt, zur Bestsellerautorin gemacht hat. Insgesamt eine Million Bücher wurden von der Reihe verkauft. Es gibt Übersetzungen in 18 Sprachen - sogar in Albanisch, Griechisch und Japanisch.

Die kleinen Fans warten sehnsüchtig auf den nächsten Band. Inzwischen erscheinen neben der Hauptreihe auch Ferienbücher, in denen jeweils ein Kind mit seinem magischen Tier ein Abenteuer fernab von zu Hause erlebt. Ida und ihr magischer Fuchs Rabbat waren beispielsweise schon am Meer. Silas und sein Krokodil Rick fuhren ins Zeltlager. Und im nächsten Band, der im Frühjahr 2018 erscheint, macht sich Leander mit seinem Leoparden auf in ein echtes Gruselschloss.

Margit Auer muss diszipliniert ihren Schreibplan einhalten - und sitzt bereits am nächsten Buch. In Band 10 ("Hin und weg"), das im Herbst 2019 in die Buchläden kommt, sorgt ein großes Fußball-Casting für Wirbel - aber auch ein Abschied: Ein Kind wird mit seinem magischen Tier wegziehen.

Das Schreiben ist dabei nur ein Teil ihrer Arbeit. Ein zweiter sind die Lesungen. "Pro Tag bekomme ich zwei Einladungen", berichtet sie. Für dieses Jahr hatte sie sich vorgenommen, nicht mehr als 50 Lesungen zu machen, 81 sind es geworden. "Definitiv zu viel", sagt sie. Vor allem der Herbst war sehr leseintensiv, weil da natürlich die großen Festivals sind - die Frankfurter Buchmesse, Zürich liest oder die Tübinger Kinder- und Jugendbuchwoche. Und sogar in der Hamburger Elbphilharmonie hat Margit Auer gelesen. Eine gerahmte Eintrittskarte der Veranstaltung vom 17. November findet sich ebenfalls in ihrem Büro. "Das fühlt sich schon aufregend an", gesteht sie. Große Säle und großes Publikum ist die 50-Jährige längst gewohnt, "aber die Elbphilharmonie ist schon eine Nummer. Ich war total nervös und habe im Hotelzimmer geübt, geübt, geübt. Dass die Übergänge sitzen. Es war ja eine Premierenlesung. Mit Band 9 hatte ich noch keine Routine." Außerdem hatte sich das Fernsehen angekündigt. "Da denkt man sich: Jeder Satz muss druckreif sein."

Dabei sind es vor allem die kleineren Lesungen, bei denen sie mit den Kindern richtig ins Gespräch kommt. Die wissen wollen, wie es weitergeht. Die Vorschläge machen, welches magische Tier unbedingt vorkommen sollte oder die sich auch schon mal als Darsteller in einer möglichen Verfilmung bewerben. "Da kommen kluge Fragen, manchmal auch solche, die einen herausfordern", erzählt Margit Auer. "Etwa: Wenn ein Kind stirbt - stirbt dann auch das magische Tier" Viele lassen sich Autogramme auf den Arm oder ins Hausaufgabenheft schreiben oder bitten um Selfies. Beglückende Augenblicke sind das für die Autorin. "Denn ich weiß: Für diese Kinder schreibe ich. Diese Kinder wachsen mit meinen Büchern auf, lernen vielleicht sogar mit meinen Büchern lesen."

In der Grundschulzeit ihrer Söhne entwickelte Margit Auer die ersten Ideen zu den "Magischen Tieren". "Mir ist klargeworden, was das für eine wichtige Zeit für die Kinder ist. Diese ganz kleinen Alltagsabenteuer: streiten und wieder versöhnen, im Sport der Letzte sein, Heimweh haben. All das beschäftigt die Kinder, hindert sie manchmal am Einschlafen. Ich wollte einen Dreh finden, Tipps zu geben, die nicht so pädagogisch daherkommen. Das machen jetzt die magischen Tiere. Aber sie lösen die Probleme nicht. Das müssen die Kinder immer selbst tun."

Aus der Buchreihe ist längst mehr geworden. Das Kolibri-Theater in Budapest brachte im Februar die "Schule der magischen Tiere" auf die Bühne. Es gibt einen Schülerkalender und ein Rätselbuch. Neben der Hörbuchreihe (Sprecher: Robert Missler) werden im Februar 2018 drei Hörspiele für Kinder ab sechs Jahren erscheinen - mit einem "ohrwurmverdächtigem Titelsong". Eine App soll 2019 auf den Markt kommen. Und Margit Auer plant ein Theaterstück, das ohne großen Aufwand von Theater-AGs in Schulen gespielt werden kann.

Und was macht der Erfolg mit der Autorin? "Das allerschönste ist, dass ich so wahnsinnig viele kreative Leute kennenlerne. Das ist eine große Bereicherung. In Bologna wurde heuer beispielsweise ein School-of-the-magical-animals-Dinner veranstaltet. Das war überhaupt nicht glamourös. Es gab Nudeln beim Italiener. Aber da waren Leute aus Rumänien, Dänemark, Spanien, der Ukraine, die alle irgendetwas zur ,Schule der magischen Tiere €˜ beitragen. Und die gehören jetzt alle zu meinem Leben."

 

Margit Auer: "Die Schule der magischen Tiere, "Versteinert", Carlsen, 240 Seiten, 9,99 Euro, ab 8 Jahren.