Die neue Marke Bayreuth
Bayreuth (DK) Bayreuth 2009 ist neu. Leider noch nicht in puncto Besetzung, denn die Verträge für die beiden Festspielleiterinnen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner wurden erst im Mai ausgearbeitet, zu einem Zeitpunkt, als die Sängerriege für diese Festspielzeit schon lange fest stand. Neues fehlte auch im Eröffnungs-"Tristan", dessen beklemmende Atmosphäre sich lähmend über das Premierenpublikum ausbreitete. Neu – das bedeutet beim jüngsten Bayreuther Wechsel nicht einen radikalen Schnitt, sondern Erneuerung von innen heraus.
Bayreuth soll serviceorientierter werden, die Besucher sich freundlich erwartet, nicht nur hoheitsvoll geduldet fühlen. Derzeit heißt das: Verstärkte PR und die Gestaltung der Marke Bayreuth. Das alles ist gut so. Inwiefern die Farben Hellgrau und Brombeer als neues Leitmotiv wirklich einzigartig sind, kann diskutiert werden. Auch, ob es sein muss, dass sich neue Festspiel-Amtsinhaber gerne in dieser Farbe kleiden.
Blick hinter die Kulissen
Gut aber ist, dass man sich über die Außenwirkung erstmals Gedanken macht, dass es im Internet offene, teils auch witzige Blicke hinter die Kulissen gibt – und neue Programmhefte, die reich bebildert sind und sich tatsächlich auf den Abend beziehen, anstatt wissenschaftlich abgehobene Diskurse nur für Eingeweihte zu bieten.
Positiv ist die Fortsetzung des Public Viewings, wenn auch der diesjährige "Tristan" am 9. August vielleicht vielen nicht gefallen wird. Im 200. Geburtsjahr Richard Wagners 2013 soll es dann den gesamten "Ring" auch als Public Viewing geben, dirigiert übrigens von Kirill Petrenko (der Regisseur wird wohl bald bekannt gegeben). Zudem macht die Öffnung für ein Nachwuchs-Publikum mit der neuen Kinderoper Sinn, denn eine Verjüngung des Bayreuther Publikums ist absolut wünschenswert, hängt aber auch wesentlich mit dem Kartenvergabesystem zusammen, das noch reformbedürftig ist.
Die neue Marke Bayreuth, das ist ganz Katharina Wagners Sache, über die sie gerne und medienwirksam spricht. Die Arbeitsteilung mit ihrer zurückhaltenden Halbschwester Eva Wagner-Pasquier ist letztendlich perfekt: Hinter der Frontfrau steht die stille Macherin. Eine Frau mit starker Ausstrahlung, die es nicht nötig hat, ihre Vita und ihre Erfolge in der Öffentlichkeit breitzutreten, die nicht zu beeindrucken ist mit der Titelsucht anderer Menschen. Für jeden Mitwirkenden hat sie ein Ohr, fragt nach seinem Befinden, nach Verbesserungsvorschlägen – und lässt sich durch gar nichts aus der inneren Ruhe bringen. Eine solch un-egozentrische Einstellung (und das mit Richard Wagners Genen!) kann Bayreuth nur gut tun.
Auch die Ehrlichkeit, mit der Eva beim Frühschoppen in der Eremitage zu ihrem Festspiel-Start bekennt: "Ich war mehr als nervös und doch auch menschlich so involviert in die ganze Situation." Kombiniert mit der reichen Kenntnis und Erfahrung, die Eva von der MET, aus Aix-en-Provence und ihrer Tätigkeit bei der Unitel zum Thema Sängerstimmen, Musiker und Regisseure mitbringt, gibt es für die nächsten Jahre Grund zur Hoffnung.
Denn Bayreuth braucht weder ewig gleiche Brünnhilden und Siegmunds noch die ganz Großen, die sowieso schon weltweit zu erleben sind, sondern tolle Neuentdeckungen. So wie damals Peter Hofmann oder Waltraud Meier – alles Bayreuth-Zöglinge. Ihre Suche nach neuen Stimmen beschreibt Eva selbst als Zentrum ihrer Arbeit: "Man muss wie auf der Börse ständig auf dem Markt sein, muss Entwicklungen über Jahre hinweg sehr sensibel verfolgen und darf nicht einfach Trends nachlaufen." So sucht sie in unermüdlichen Reisen "gerade zu den mittelgroßen Bühnen" aus, wer in welcher Partie und zu welchem Karrierezeitpunkt am besten zu den Festspielen passt. Diese Aufgabe ist mithin die wichtigste für die Zukunft der Festspiele. Übrigens nicht nur sängerisch. Denn auch unter den Dirigenten gibt es neben Thielemann noch andere Pultstars, die musikalisch etwas zu sagen haben. Und auch szenisch sind frische Ansätze mit aktuellem Bezug nötiger denn je, um den Mythos nicht erstarren zu lassen.
Nabel der Wagner-Welt
Ein Wort noch zum Bayreuther Werkekanon: Schön wäre es, wie immer wieder angedacht, etwa im Markgräflichen Opernhaus Wagnersche Frühwerke aufzuführen. Die Erweiterung auf Opern anderer Komponisten aber macht keinen Sinn und führt Bayreuth nur in die Beliebigkeit. Die beiden Wagner-Damen haben derzeit einen Vertrag bis 2015 und somit ausreichend Chance, sich in ihren Stärken zu ergänzen und Bayreuth wieder zu einem offenen, diskussionsfreudigen, hochkarätigen Nabel der Wagner-Welt zu machen.
Von Barbara Angerer-Winterstetter

