Herr: "Das Recht, beleidigt zu werden"
Nimmt kein Blatt vor den Mund: Serdar Somuncu kritisiert in seiner Rolle als »Hassias« jegliche Formen von Intoleranz, religiösem und politischem Wahn sowie Fremdenfeindlichkeit.
Johannes Boventer

Herr Somuncu, Sie kommen mit Ihrer Satire auf religiöse Hassprediger nach Nürnberg und München. Ist ein solches Programm nach den Anschlägen auf Satiriker und Karikaturisten noch machbar?

Serdar Somuncu: Unbedingt. Gerade jetzt muss man es machen. Man darf sich nicht von Terroristen einschüchtern lassen. Diese Tat und andere Taten davor zeigen doch, wie wichtig es ist, dass man die Satire schützt.

 

Ist Ihr Motto „Jede Minderheit hat das Recht, beleidigt zu sein“ tatsächlich zeitgemäß?

Somuncu: Wenn man das so meint wie ich: Ja. Der Satz ist natürlich verknappt. Aber auf der Bühne erkläre ich es. Wenn man Menschen nur wehtun, sie beleidigen und kränken will, dann ist das eine Grenzüberschreitung – die übrigens auch Politiker sehr gerne machen. Wenn man eine Grenze überschreitet, dann muss man damit rechnen, dass Leute auch mal irrational darauf reagieren.

 

Wie verstehen Sie dieses „Recht auf Beleidigung“?

Somuncu: Ich fange das Programm damit an, dass ich sage: Ich habe es satt, seit 40 Jahren immer der Ausländer und immer Gegenstand bei irgendwelchen Debatten zu sein, insbesondere, wenn Wahlen anstehen. Ich sage, dass ich jetzt auch mal austeilen will. Aber: Wem gebe ich jetzt einen? Wer ist meine Zielgruppe? Am besten doch alle auf einmal. Denn wenn ich mir einen aussuche, dann ist das ungerecht. Also auf alle. Denn in dieser Verteilung ist etwas Gerechtes. Es wird dann auch klar, dass es so nicht ernst gemeint sein kann. Das verstehen die Leute. Allerdings nur, wenn man es konsequent macht. Wenn ich an einem Abend nur über die bösen Deutschen spreche und die anderen vergesse, dann macht das keinen Sinn.

 

Sie erhalten aber böse Kommentare auf Ihrer Internetseite.

Somuncu: Die Leute sind wirklich schnell beleidigt, fühlen sich angesprochen und merken gar nicht, dass ich in demselben Atemzug auch andere genannt und beleidigt habe. Wenn sie sich schon aufregen und sagen: Nein, so gehst Du mit uns nicht um, dann müssten sie eigentlich auch alle anderen in Schutz nehmen. Ich will eine Anleitung zur Toleranz geben, zeigen, dass Toleranz auch heißt, sich für die anderen zu interessieren und sie in Schutz zu nehmen.

 

Es scheint nicht immer zu funktionieren. Sie mussten ja bereits mit kugelsicherer Weste und unter Polizeischutz auftreten.

Somuncu: Das ist bereits 15 Jahre her, und es ging um ein komplett anderes Programm. Damals habe ich aus Hitlers „Mein Kampf“ gelesen. Da fühlten sich viele Nazis angegriffen und haben Drohbriefe geschrieben. Es war eine ganz andere Provokation. Nicht für Zuschauer, die mich hätten missverstehen können, sondern für die Nazis, die das bewusst zum Anlass genommen haben, mich zur Zielscheibe zu machen.

 

Dennoch: Die Gewaltbereitschaft in Deutschland wächst, schnell arten Proteste in gewalttätige Krawalle aus, oder?

Somuncu: Gewalt kommt aus unterschiedlichen Seiten. Es gibt rechte Gewalt, es gibt linke Gewalt und es gibt islamistische Gewalt. Das muss man sehr fein unterscheiden. Grundsätzlich aber hat der Staat das Gewaltmonopol. Es gibt Gesetze, die den Leuten verbieten, auf der Straße zu randalieren. Es gibt gleichzeitig das Recht auf Meinungsfreiheit und das Recht zu demonstrieren. Es muss einen vernünftigen Mittelweg geben. Demonstranten können nicht einfach Autos anzünden und sagen: Das ist unser gutes Recht. So wie man den aufrechten Bürgern nicht verbieten kann, gegen Stuttgart 21 zu demonstrieren, um sie dann mit Wasserwerfern zu beschießen.

 

Was kann gegen Gewalt auf der Straße getan werden?

Somuncu: Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland ein Problem mit steigender Gewalt haben, sondern, dass die Medien das gerne übertreiben. Ich finde, wir führen eine sehr vernünftige Debatte über Themen, die kontrovers besprochen werden müssen wie Integration, Rechtsradikalismus, Islamismus. Die Radikalen und diejenigen, die andere bedrohen, sind gottseidank in der Minderheit, und werden es auch bleiben. Unsere Verantwortung wird deshalb nicht weniger.

 

Ist es richtig, das Kopftuch-Verbot an Schulen aufzuheben?

Somuncu: Nein, das Kopftuch hat an der Schule nichts zu suchen. Es ist für mich ein Symbol der Unterdrückung. Manchmal nehmen Frauen das freiwillig, sagen, dass sie sich damit besser fühlen. Das ist für mich kein Argument. Frauen kommen nicht mit dem Kopftuch auf die Welt. Ich wünschte mir auch, dass keine Kreuze an Schulwänden hängen und Jugendliche mit religiösen Programmen infiltriert werden. Religiöse Erziehung kann in der Familie stattfinden. Die Schule sollte Angebote machen, etwa im Ethikunterricht, über Werte nachzudenken.

 

Islamunterricht an Schulen wäre doch eine Möglichkeit, Hasspredigern in Moscheen etwas entgegenzusetzen?

Somuncu: Ich bin da völlig anderer Meinung. Ich finde, es gibt sowieso zu viele Moscheen in Deutschland. Sie sind nur ein Zugeständnis an eine misslungene Integrationspolitik. Man hat es den Menschen in den 70er und 80er Jahren sehr schwer gemacht, eine deutsche Identität zu entwickeln, indem man hohe Hürden für die Einbürgerung geschaffen hat. Man musste immer wieder eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, auch wenn man schon lange hier gelebt und seine Steuern gezahlt hat. Daraus ist eine Gegenbewegung entstanden, die fatalerweise religiös fundamentalisiert ist. Anstatt vernünftig zu reagieren, hat man überall, wo es möglich war, eine Moschee ins Industriegebiet gesetzt. Man schert damit aber Menschen über einen Kamm. Nicht alle sind muslimisch. Ich beispielsweise bin auch Türke, aber säkular aufgewachsen und habe mit einer Moschee gar nichts am Hut.

 

Sie sind Schauspieler. Sagt der Kabarettist Somuncu eines Tages: Mir reicht es, ich möchte wieder ans Theater?

Somuncu: Ja, ich werde wahrscheinlich noch zwei Jahre mit diesem kabarettistischen Soloprogramm auftreten und dann mehr als Schauspieler arbeiten. Wobei meine Programme schon immer eine Mischung aus beiden Genres waren. Das Theater war immer meine Heimat. Und es war mir immer klar, dass mich das irgendwann einholen würde.

 

Was ist der Grund?

Somuncu: Ein Grund ist, dass man am Theater mit Kollegen auf der Bühne steht. Gerade der Ausflug auf die Opernbühne im vergangenen Jahr hat mir das noch einmal bewusst gemacht. Die Arbeit mit den Kollegen tut sehr gut. Auch wenn ich es liebe, mit meinem Soloprogramm nah beim Publikum zu sein. Ich bin auch sehr dankbar dafür und stolz, vor so vielen Menschen aufzutreten.

 

Das Interview führte

Barbara Fröhlich.

 

Serdar Somuncu mit dem Programm „H2 Universe – Die Machtergreifung“ am 4. Mai um 20 Uhr in der Meistersingerhalle Nürnberg, am 7. und 8. Mai jeweils um 20 Uhr im Circus Krone Bau München.