Video: Franz Xaver Gernstl über

 

Herr Gernstl, man kennt Sie durch Ihre BR-Reihe „Gernstl unterwegs“. Sie sind viel auf Reisen. Was verbinden Sie eigentlich mit dem Begriff Heimat?

Franz Xaver Gernstl: Da habe ich ein Problem damit. Ich bin ja nicht so der Parade-Bayer. Ich hab' keinen Gamsbart und keine Lederhose, ich geh' nicht mal aufs Oktoberfest. Mir geht's eher auf die Nerven, wenn die Leute feiern, dass sie so bayerisch sind. Der Begriff Heimat ist ja so eine Geschichte. Vom Mars aus betrachtet würde man sagen, die Erde ist meine Heimat. Wenn man dann näher kommt, würde man sagen Deutschland und Bayern, dann Oberbayern und Niederbayern. Aber das ist alles so ein Heimatgetue, das mir nicht sympathisch ist.




Franz Xaver Gernstl
Von Berufs wegen viel unterwegs, privat am liebsten daheim in Bayern: Filmemacher Franz Xaver Gernstl
Cornelia Hammer
Anders gefragt: Wann entwickeln Sie Heimatgefühle?

Gernstl: Es ist schon so, wenn ich mal drei Wochen in Amerika war beim Drehen und komme wieder zurück und geh' in ein Wirtshaus, und die erste Bedienung raunzt mich an und fragt, „Hey, schmeckt Dir der Braten?“, dann entwickle ich so ein gewisses wohliges Heimatgefühl.


Ist Heimat weniger ein Ort als ein Gefühl?

Gernstl: Diese ganzen Insignien, die's hier gibt und womit man sich so ausstattet, die interessieren mich nicht so. Aber der bayerische Menschenschlag, der ist schon anders als der norddeutsche. Mir gefällt, dass die Bayern leicht buddhistisch angehaucht sind. Der Buddhist würde sagen „Es ist, wie es ist“, der Bayer sagt „Passt schon“ oder „Geht's heid ned, geht's moang“. Das ist das, was ich an der bayerischen Seele gerne mag.


Für Ihre „Unterwegs“-Reihe haben Sie Menschen besucht, mit denen Sie sich vor Jahrzehnten schon einmal unterhalten hatten. Das Interessante daran war, dass sich diese Menschen teilweise gar nicht so sehr verändert haben. Was sind denn die Konstanten in Ihrem Leben?

Gernstl: Konstant ist auf alle Fälle, wenn ich nach Hause komme und das Wetter passt, dass ich mich auf meinen Balkon hocke und ein Glas Montepulciano trinke. Damit komme ich aus dem Berufsstrudel raus. Ich gehe ungern essen, weil man so schlecht isst, und deshalb koch ich lieber selber, auch für mich allein. Außerdem freue ich mich sehr, wenn Gäste bei mir sind, und sich das Kochen und Essen und Trinken und Rauchen auf zehn Stunden bis in der Früh um vier hinzieht. Das ist für mich ein glückseliges Heimatgefühl: Mit Leuten, die man mag, gemeinsam in der Küche zu sitzen und ein Glaserl Wein zu trinken.

 

"Man muss den Menschen ein Podest schaffen"

 
Franz Xaver Gernstl
Franz Xaver Gernstl unterwegs in New York.
BR/megaherz gmbh
Sie sind ein Menschenflüsterer. Wo andere ständig dazwischenfragen, halten Sie ganz bewusst Ihren Mund und hören einfach zu. Die Folge ist, dass Ihnen die Menschen gerade in diesen Situationen Dinge vor der Kamera anvertrauen, die den Zuschauer immer wieder erstaunen. Wie schaffen Sie das?

Gernstl: Mei, ich dreh' ja oft mit Leuten, die aus einem ganz anderen Kulturbereich kommen und anders gestrickt sind als ich. Man muss den Menschen ein gewisses Maß an Achtung und Höflichkeit und Freundlichkeit entgegenbringen. Ich mag die Menschen, mit denen ich drehe. In dem Augenblick sind das meine besten Freunde. Da verliere ich jegliche Kontrolle und die Hemmungen, irgendwas Blödes zu fragen. Da entsteht dann irgendwas. Man muss diesen Menschen ein kleines Podest schaffen, wo man sie draufstellt, damit sie ihre Geschichte schön erzählen können, ohne dass kritische Menschen drumrum sitzen. Im Grunde geht es nur darum, eine gute Atmosphäre zu schaffen.


Man hat das Gefühl, die Leute vergessen sogar, dass gerade eine Filmkamera auf sie gerichtet ist.

Gernstl: Das passiert uns oft genug, dass wir am Ende gefragt werden, von welcher Zeitung wir eigentlich sind.

 

"Ich bin nicht der kommunikative Typ"


Sie als Berufsreisender: Sind Sie lieber unterwegs oder daheim?

Gernstl: Man möcht's ja gar nicht glauben, aber die Wahrheit ist: Ich bin lieber daheim! Ich habe eine schöne Wohnung und bin ein häuslicher Typ. Meine Mutter hat früher schon gesagt, dass ich ein Stubenhocker bin. Wahrscheinlich war die Filmdreherei für mich eine Art Befreiungsschlag, um von zu Hause rauszukommen. Ich bin in Wahrheit auch nicht der kommunikative Typ, aber mit der Kamera hat man halt immer einen Grund, um mit den Leuten zu reden. Das ist eine Krankheit von etlichen Journalisten, dass sie diesen Beruf wählen, um kommunikativ sein zu können. Ich glaube, dass viele Journalisten eigentlich eher zurückhaltend sind.


Wo in München sind Sie daheim?

Gernstl: In Schwabing, richtig schön, fast am Englischen Garten. Ich hatte Glück und hab' vor sechs Jahren eine Wohnung gefunden, von der aus ich in den Park des Werneckschlösschens schauen kann. Insgesamt lebe ich jetzt schon seit über 40 Jahren in München.


Welche Inspirationen und Anregungen kriegen Sie von zu Hause?

Gernstl: Ich lebe alleine, aber viele Anregungen kriege ich von meinen beiden Söhnen. Die sind jetzt 27 und 32. Der Große ist der Künstler, den haben sie schon in der Schule gefragt, ob er der kleine Gernstl sei, worauf er geantwortet hat, dass er nicht in meine Fußstapfen steigen werde. Er wollte Psychologie und Biologie und was weiß ich nicht alles studieren, und dann ist er doch irgendwie reingerutscht. Er hat an der Hochschule für Fernsehen und Film in München (HFF) Dokumentarfilm studiert und ist jetzt endlich dabei, fertig zu werden. Das ist normal, dass man da zehn Jahre braucht. Der Kleine war schon immer der Erbsenzähler, der Spießer. Wenn man dem zum Essen Studentenfutter gegeben hat, hat er erst einmal die Nüsse der einen und der anderen Sorte und anschließend noch die Rosinen auf verschiedene Haufen sortiert, danach hat er sie erst gegessen. Er konnte früher als der Große die Schuhbandl binden, konnte alles früher. Er hat auch an der HFF studiert und arbeitet als Producer bei uns. Inzwischen habe ich meinen beiden Söhnen Anteile an meiner Firma geschenkt. Die „Megaherz Film und Fernsehen“ ist also zur Hälfte ein Familienunternehmen.


Wer von beiden kommt mehr nach Ihnen? 

Gernstl: Ich glaub', das ist eine Mischung. Ich bin in manchen Dingen ein Pedant und Korinthenkacker, manchmal auch ein Träumer. Bei meinen Kindern hat sich das dann so aufgeteilt. 


Sie werden Ende Februar 66 Jahre alt. Wie lange wollen Sie ihr schönes Fernsehformat denn noch weitermachen?

Gernstl: Ich wüsste nicht, warum ich aufhören sollte. Ich könnte ja sagen, leckt's mich am Arsch, ich geh nach New York oder Rom, aber ich hab' keine Idee. Und gerade hat mich Reinhard Scolik (Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks; Anm. d. Red.) gefragt, was wir denn nächstes Jahr machen. Es ist also nicht so, dass der BR die Serie vielleicht nicht mehr haben möchte.

 

2017 Gernstl in Rom, Dublin und Amsterdam unterwegs


Haben Sie freie Hand bei Ihren Produktionen?

Gernstl: Naaa (langgezogen). Nachdem wir im vergangenen Jahr auf der Suche nach Exil-Bayern drei Filme in New York, San Francisco und Los Angeles gedreht haben, die Weihnachten 2016 gesendet wurden, und in diesem Jahr drei weitere Filme in Rom, Dublin und Amsterdam drehen, die wahrscheinlich heuer in der Weihnachtszeit ausgestrahlt werden, habe ich Herrn Scolik vor einem halben Jahr leichtfertig auf die Hand versprochen, dass ich nächstes Jahr wieder in Bayern unterwegs sein werde. Vor Kurzem erst hat er mich an dieses Versprechen erinnert.


Wenn Sie doch eigentlich lieber daheim sind, müssen Sie sich dann ab und an selber in den Allerwertesten treten, um wieder auf Reisen zu gehen?

Gernstl: Nein, so ist es nicht. Ich dreh' halt nur nicht mehr so gern im Januar und im Februar, wenn's kalt ist. Ich habe momentan eine Pause bis April eingeplant, aber dann kribbelt's schon wieder. Da merkt man dann, dass man noch am Leben ist. Wissen Sie, wenn man Filmemacher ist, muss man Filme machen. Die wird man nicht los, diese Krankheit.


 

Zur Person


Franz Xaver Gernstl mit Team
Eingespieltes Team: Franz Xaver Gernstl (Mitte) mit Kamermann Hans Peter Fischer (links) und Tonmann Stefan Ravasz vor der Skyline von Manhatten.
BR/megaherz gmbh
Franz Xaver Gernstl wurde am 26.2.1951 in Jenbach (Landkreis Rosenheim) geboren. Nach einer Lehre zum Bankkaufmann und einem Studium der Sozialpädagogik begann er als Praktikant beim Bayerischen Rundfunk. Für seine Reihe „Gernstl unterwegs“ ist er mit Kameramann Hans Peter Fischer und Tonmann Stefan Ravasz unterwegs, er fungiert als Moderator, Produzent und Regisseur. Gemeinsam mit Fischer gründete er 1983 die Firma Megaherz, die in Unterföhring rund 35 Mitarbeiter beschäftigt. Für seine Arbeiten wurde er zweimal mit dem Adolf-Grimme-Preis sowie mit dem Bayerischen Film- und dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Derzeit schreibt Gernstl an seiner Biografie. Die ersten 100 Seiten hat er schon.