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Magier am Bass: Marcus Miller legte bei den Jazztagen 2015 einen publikumsaffinen Live-Act hin. Der Star sei auch sonst freundlich, weiß Angelika Gützlaff, die ihn schon von A nach B gefahren hat.
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Die Ingolstädter Jazztage gibt es seit 1984, gegründet von Jazz IN. Heuer steigt die 33. Ausgabe. Jan Rottau ist seit 1996 für das Programm verantwortlich. In diesem Jahr wird das Festival zum ersten Mal nicht vom Kulturamt der Stadt, sondern von der Veranstaltungs GmbH organisiert. Das Team um Geschäftsführer Tobias Klein kümmert sich auch um Finanzen und das Marketing. Da die Übergabe erst im Sommer stattgefunden habe, trage dieses Festival noch nicht die Handschrift der Veranstaltungs GmbH, sagte Klein. Was wird sich 2017 ändern? „Wir wollen die Jazztage als ganz große Marke darstellen.“ Neu ist heuer ein Shuttle-Bus mit Live-Musik bei „Jazz in den Kneipen“ und der Welcome Party im NH-Hotel zwischen drei Haltestellen in der Innenstadt und dem NH. Im Programm geht es weiter mit dem Jazzbrunch mit Blue Moon am Sonntag (NH) und abends mit Viva Voce (Kirche St. Augustin), mit dem Auftritt von 4 of a kind am Dienstag (Neue Welt), Söhne & Töchter Ingolstadts am Mittwoch (Diagonal), mit „Jazz in den Kneipen“ und der „Welcome Party“ am 3. November (NH), den beiden Jazzpartys am 4. und 5. November, jeweils mit Late Night Musicians, mit dem Jazzgottesdienst am 6. November (Matthäuskirche), Gregory Porter (Festsaal, ausverkauft) und Lucky Chops am 10. November (Kulturzentrum neun). Infos unter www.ingolstaedter-jazztage.de.

 

DIE FAHRERINNEN

 

Beate Diao und Angelika Gützlaff haben das Steuer in der Hand und dabei die Ruhe weg. Das müssen sie auch. Wenn sie im Stau stehen mit Musikern im Fond, wenn einer mal am falschen Gate steht, wenn er ganz anders aussieht als auf den Bildern, wenn es schnell gehen muss, wenn die Zeit drängt. Die beiden Frauen fahren die Jazzstars von A nach B. Egal, wohin. Vom Flughafen in die Stadt, innerhalb Ingolstadts, zum Einkaufen. Wunschrouten. Im Team sind acht Fahrerinnen und Fahrer. Beate Diao ist schon 23 Jahre dabei, Angelika Gützlaff 18 Jahre. „Ich habe mit Aschenbecher ausleeren und Klos putzen angefangen bei den Jazztagen“, erzählt die 37-jährige Gützlaff. Und kam nie wieder davon los. Einmal Jazztage, immer Jazztage. Beide schätzen die Atmosphäre, „das ist wie ein kleines Familientreffen“, was in ihrem Fall im doppelten Sinne gilt. Sie sind Schwestern. Gut gelaunte Schwestern. Und damit nicht genug der Familienbande. Cousine Nicole ist auch dabei. Und hat im Jazz-Office ihren späteren Ehemann, den Bassisten Christian Diener, kennengelernt. Fotos mit den vielen Stars haben sie in all den Jahren nicht gemacht. „Das ist eigentlich schade“, bedauern beide. Angelika Gützlaff ist Fan von Marcus Miller, der in den vergangenen Jahren mehrmals da war. „Da schreibt man sich hin und wieder eine Mail und freut sich, wenn man sich wiedersieht.“ Nicht einfach sei die Umstellung nach den Jazztagen. „Vier Tage eine andere Welt mit eigener Zeitrechnung, ein eigener Kosmos“, sagt die 46-jährige Beate Diao. Und besonders schwierig sei es, nach den vielen Fahrten in großen und schicken Fahrzeugen wieder in das eigene, wesentlich kleinere und ältere Modell einzusteigen. „Da denke ich immer erst einmal, mein Auto ist kaputt.“

 

DER BÜHNENLEITER

 

Ohne Mike Vielwerth blieben die Bühnen bei den Ingolstädter Jazztagen leer. Der 43-Jährige hat den Überblick, wann welche Gitarre, welches Schlagzeug, welches Keyboard für welchen Künstler auf welcher Bühne stehen muss. Ein riesiger logistischer Aufwand, eine immense Vorplanung und während der Jazztage ein Job fast ohne Verschnaufpause. Wochen zuvor tauscht Vielwerth mit den Agenturen Mails aus, telefoniert. Wer braucht welches Instrument, wer bringt seines mit? Er gibt die Instrumentenbestellungen weiter, organisiert Klaviere. Herausforderungen seien für ihn und seine etwa 20 Mitarbeiter die Konzerte in den Kneipen, die normalerweise keine eigene Bühne oder Minibühnen haben. „Wir finden aber immer Lösungen.“ Vielwerth, der Meister der Zeit- und Ablaufpläne, lässt sich von nichts und niemandem aus dem Takt bringen. „Dann wäre ich hier fehl am Platz“, sagt der Sozialarbeiter, der in der Offenen Jugendarbeit im Piusviertel arbeitet und der als Zivildienstleistender im Bürgerhaus den ersten Kontakt zur Welt der Bühne hatte. „Jazztage sind etwas ganz Besonderes. Einzigartig. Vor und hinter den Kulissen.“ Für seinen Einsatz nimmt er Urlaub. „Arbeitsurlaub mit Spaß und jede Menge Stress. Positiver Stress.“ Unter Hochdruck wird bei den Jazzpartys gearbeitet. Der reibungslose Wechsel muss klappen. Und Vielwerth hat ein riesiges Sortiment für Notfälle, einen Lkw voll: Keyboardpedale, Ersatzinstrumente, Batterien, Kabel. Einmal konnte er nicht weiterhelfen. Da hatte ein Musiker seinen Hut, „Part of the Show“, bei einem Auftritt in einer anderen Stadt vergessen. Nach den Jazztagen braucht Vielwerth ein bis zwei Tage frei. Um wieder in den Rhythmus zu kommen. Im Alltag anzukommen. Bis zu den nächsten Jazztagen.

 

DIE HOTELDIREKTORIN

 

Im NH-Hotel Ingolstadt herrscht während der Jazztage drei Tage „Ausnahmezustand“. Die Direktorin Jeanette Teichert sagt das mit Vorfreude in der Stimme. „Das ist immer eine tolle Atmosphäre im Haus. Die Künstler und Gäste feiern Party, und wir feiern alle ein bisschen mit.“ Wir, das sind rund 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Hotel an der Goethestraße – in dem die Künstler wohnen und in dem von Donnerstag bis Samstag der Jazz regiert – komplett verändern: Das Restaurant wird umgebaut, das Foyer umgestaltet, Bühnen rein, Stühle raus, Bars werden aufgestellt. Die Schichtpläne und Arbeitszeiten werden umgestellt. Den Arbeitsrhythmus geben die Musiker, die Gäste, die Konzerttermine oder die ausgiebigen Musiksessions bis zum Morgengrauen vor. Auch das Outfit der Barkeeper, der Rezeptionisten oder der Kellner wird ein anderes. „Wir passen uns dem Lässigen und Legeren der Veranstaltung an.“ Statt Anzug, Krawatte, weißes Hemd und grauer Schürze gibt es Jeans und T-Shirts. Und ein Gericht, das nicht unbedingt auf der Speisekarte des Restaurants steht, muss bei einem Metzger aus der Region im großen Stil bestellt werden: Wiener Würstchen. Für die Gäste im Foyer. Längst ein unverzichtbarer Klassiker. „Die Nachtschwärmer mögen das sehr“, sagt die 39-Jährige, die privat nicht unbedingt Jazzfan ist. „Ich höre eher so die Charts rauf und runter.“ Ihrer Freude tut das keinen Abbruch: „Das ist Live-Musik, das ist großartig.“ Ebenso wie die Gäste, die selten exotische Wünsche äußern. „Mal ein zweiter Sessel, mal ein paar Kissen mehr.“ Und mit Geschichten über zerlegtes Mobiliar oder Renovierungsbedarf nach dem Aufenthalt, wie es manchen Rockstars nachgesagt wird, kann sie nicht dienen. „Nein, das ist noch nie passiert.“

 

DIE KÜNSTLERBETREUERIN

 

Geht nicht, gibt es nicht. Und der Künstler ist König. Das ist für Anne Sandner und das Team im Jazz-Office, das im NH-Hotel während der heißen Phase der Jazztage untergebracht ist, ungeschriebenes Gesetz, Flexibilität und Geduld sind Selbstverständlichkeiten. Die 22-Jährige ist eine von fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die für alle Belange der Künstler der Jazztage ein offenes Ohr haben. Egal, um was es geht, und egal, wann. „Sie sollen sich alle jederzeit willkommen fühlen.“ Diskret geht Anne Sandner, die mit 17 im Catering bei den Jazztagen angefangen hat, mit den Wünschen um, die Namen der Stars und ihre Vorlieben verrät sie nicht. Es sind aber durchaus viele, und manchmal sind sie auch lebenswichtig. Etwa die Sauerstoffflaschen, die sie eine Stunde vor dem Konzert einmal besorgen musste. Andere Wünsche sind schneller und einfacher zu erfüllen: etwa die täglich frisch aufgeschnittene Papaya auf dem Zimmer. Mal wollen die Künstler in die Stadt, mal zum Museum mobile. Man müsse sich in die Künstler, die um die halbe Welt reisen und die sich hier nicht auskennen, hineinversetzen können, sagt Sandner. Dabei bräuchten die einen Stars mehr, die anderen weniger Aufmerksamkeit. „Die meisten sind locker, lässig und alle sehr freundlich und dankbar.“ Man müsse ihnen eben den Freiraum geben, den sie brauchen. An den Jazztagen liebt Anne Sandner, die als Tochter des Pogrammmachers Jan Rottau mit Jazz, den Musikern und den Jazztagen groß geworden ist und die ab Januar Tourismus-Event-Management studieren wird, die gemeinschaftliche Atmosphäre, das Miteinander, das Hand-in-Hand-Arbeiten. Und manche Stars kommen ja auch immer wieder. „Da ist die Freude auf beiden Seiten groß.“