Bergen: Liedgut aus fernen Zeiten
Mit hellem, fast ätherischem Klang stimmten die vier Herren des Hilliard-Ensembles Musik des Mittelalters, der Früh- und Hochrenaissance im Rahmen der Audi Sommerkonzerte an. - Foto: Audi
Bergen
Messzyklus
 

Den roten Faden bildete die um 1450 entstandene Messe "Se la face ay pale" von Guillaume Dufay. Das Werk ist ein Klassiker, weil hier erstmals einem vierstimmigen Messzyk-lus ein Cantus firmus zugrunde liegt, eine Melodie aus dem genannten französischen Liedes, die sich im Tenor durch das gesamte Werk zieht und es äußerst kunstvoll strukturiert. Ohrwürmer und große Gefühle gibt es allerdings nicht, der moderne Hörer findet nicht leicht den Zugang in diese fein gebaute Klangwelt. Da könnten ein wenig Informationen helfen, aber der schlampig kompilierte Programmhefttext informiert zwar über die Reimwörter des gar nicht gesungenen Liedes, klärt aber kaum über die Musik auf. So benötigt man einige Zeit, bis man sich eingehört hat, und die Hilliards lassen mit ihren sparsamen, subtilen Mitteln des Ausdrucks anfangs noch nicht so richtig den Funken überspringen. Sobald sie sich aber in die etwas schwierige Akustik einfinden, bringen sie die Musik wirklich zum Schweben und nehmen den Hörer mit auf eine Klangreise in ferne Zeiten.

Das gilt besonders für die Motetten von Josquin Desprez, die einen ganz anderen Entwicklungsstand repräsentieren. Denn die Musik des "Fürsten der Musik" um 1500 klingt bei aller Kunstfertigkeit bereits wesentlich sinnlicher und emotionaler. Hier fügen sich die sehr individuellen Stimmen der Hilliards zu zauberischen Harmonien, besonders schön in dem ergreifenden Gebet "Tu solus", dem dieser Klang eine geheimnisvoll schimmernde Melancholie verleiht.

Gebet

Zum Glück warteten die Abendglocken genau das "Amen" einer ebenso schönen Josquin-Motette ab, bevor sie mit nahezu endlosem Gebimmel begannen. Das stand offenbar nicht auf dem Programm, aber die vier Herren nehmen es mit britischem Humor.

Für einen schroffen, aber gewollten Kontrast sorgten dann die Stücke aus der St.Martial-Epoche. Diese im 12. Jahrhundert gepflegte Mehrstimmigkeit gehorcht noch völlig anderen Gesetzen als die der modernen Harmonik. Die zwei Stimmen, oft in Quinten und Quarten sich treffend, erzeugen ein sprödes Klangbild, das in seiner Fremdartigkeit aber auch wieder faszinierend wirkt. Ganz anders Arvo Pärts "Most holy Mother save us", wieder ein Gebet, das sich ganz unmittelbar mitteilt. Die kompositorische Grundlage ist minimal, nur ein verschieden beleuchtetes Motiv, doch die Hilliards vermitteln mit hellster Perfektion ein ganzes Spektrum an Empfindungen. Langer Applaus für die vier Herren, die dem Publikum ein strenges, forderndes aber auch erfüllendes Konzert im Rahmen der Sommerkonzerte bereiteten.