Gleich anhand von Haydns Streichquartett op. 77 Nr. 1 präsentierte das hervorragende Berliner Ensemble diese Gattung auf ihrem damaligen Höhepunkt, veredelte ihn sogar noch durch absolute interpretatorische Perfektion und Raffinesse. Den marschähnlich akzentuierten Beginn, die brillante Kontrapunktik, die virtuosen Soli wie auch die nuancenreichen responsorischen Dialoge, die überraschenden, bisweilen trugschlusshaften Wendungen des ersten Satzes, das melancholisch zarte, sich emphatisch steigernde und wieder verebbende romantische Adagio, ein schwingend-tänzerisches Menuett mit neckischen bis eruptiven Ausbrüchen, gekrönt vom überbordend vorandrängenden Presto-Finale: All das zelebrierten die Musiker genussvoll bis in die kleinsten Feinheiten an ihren Instrumenten. Erlesenste kammermusikalische Klangkultur, die nur entstehen kann, wenn das Zusammenspiel über Jahre hinweg nicht nur technisch ideal harmoniert, sondern zugleich auch organisch gewachsen ist.

Zwar gewissermaßen noch in der Tradition Haydns verwurzelt, aber dennoch mit einer völlig anderen ästhetischen Auffassung ging Erwin Schulhoff in den 1920er-Jahren zu Werke. Sein Streichquartett Nr. 1 zeugt von extremer Kühnheit, Radikalität und Eigenwilligkeit, von großem Erfindungsreichtum, von unerschöpflicher Gefühlsvielfalt in der Tonsprache. Über die Abfolge des klassischen viersätzigen Schemas setzt er sich insofern eigenmächtig hinweg, als er das langsame Andante (üblicherweise der 2. Satz) erstaunlicherweise an den Schluss stellt.

Zu Beginn erklingt hingegen slawisch-folkloristisches Kolorit im fulminanten Kopfsatz: Tim Vogler, Frank Reineke, Stefan Fehlandt und Stephan Forck ergreifen mit hörbarer Freude die Gelegenheit, die sich ihnen bietenden unterschiedlichen Strich- und Artikulationsmöglichkeiten atemberaubend auszuspielen. "Pizzicato" oder "con arco" liefern sie sich einen regelrechten Schlagabtausch an Virtuosität. Die "groteske Melancholie", mit der der zweite Satz überschrieben ist, äußert sich bei ihnen durch elegisch ausgekostete Phrasen über einem flirrend dahinschwebenden Ostinato, durch abrupte Stimmungswechsel, durch an Zigeunerweisen erinnernde Passagen. Besonders jedoch das Allegro ist, wie dessen Titel bereits vorausdeutet, von slowakischer Volksmusik inspiriert. Mitreißend, wie die vier Solisten sich einerseits plötzlich in wilde Sechzehntelläufe, andererseits wieder in rhythmisch packende Akzente und Crescendi stürzen. So erreicht im unmittelbaren Kontrast dazu der ruhige, morbide Finalsatz eine umso berückendere, ja fast irritierende, erschütternde Wirkung. Düster fahle Tremoli, schmerzlich bebende Melodien, zitternd schräge Harmonien, die schließlich in tranceartigen Wiederholungen ersterben.

Zur "Belebung" nach der Pause dann Tschaikowski mit seinem 1. Streichquartett: Neben dem in seiner Schlichtheit ausdrucksstarken Moderato, dem feurig pulsierenden Scherzo sowie dem sich bis zur Ekstase verdichtenden Finale bestach das Ensemble hier mit träumerisch fließendem Duktus vor allem beim berühmten Andante, das schon Tolstoi zu Tränen rührte und worin der Komponist ein wunderschönes ukrainisches Volkslied verwob.

Meisterhaft und nahezu unerreicht gelingt es dem Vogler Quartett dabei stets, die Musik so wirken zu lassen, als entstünde sie in dieser Form gerade jetzt, aus dem Augenblick heraus. Alle vier scheinen während des Spielens selbst über die Schönheit, die Wucht oder die Fragilität der Klänge zu staunen, die sie da hervorbringen. Es nimmt deshalb nicht wunder, dass sie beispielsweise bereits 1986 (im Folgejahr der Gründung!) den renommierten Wettbewerb im französischen Evian gewannen oder erst kürzlich in der Hamburger Elbphilharmonie auftraten.

Auch das hingerissene Publikum konnte von so viel künstlerischer Bravour nicht genug bekommen und erklatschte sich zwei Zugaben. Streichkunst in ihrer reinsten Vollendung.