Für die künstlerische Vielfalt der Aussagen ist es gut, dass es auch in Bayreuth immer noch einen Mix der Regiestile gibt, wenngleich die rein konservative Sichtweise nun völlig weggefallen ist.

Glogers Inszenierung zeigt kurz gesagt, was passiert, wenn Menschen zu sehr nach Geld gieren – getrieben von den Anforderungen der heutigen Arbeitswelt. Letztere ist denn auch die Basis der Gloger-Inszenierung. Da steht auf der einen Seite das mittelständische Unternehmen Dalands, das anstatt mit Spinnrädern zu agieren Tisch-Ventilatoren produziert und seine Mitarbeiter im hellgrauem Anzug mit braver Föhnfrisur (Lob an Kostümbildnerin Karin Jud!) in köstlicher Verkaufsschulungs-Parodie auf das ungemein wichtige Produkt einschwört. Dem entgegen steht der international agierende Weltkonzern des Holländers – unfair in seinen Verkaufspraktiken, aber auch in sich krank, ausgebrannt wie der Holländer selbst. Dieser Mann, der mit teurem Anzug, Rollkoffer und Coffee to go auftritt und voller Überdruss alle mit Geldscheinen überschüttet, trägt seine Arbeitswut wie Geschwüre im Gesicht. Doch er sehnt sich in inmitten des alltäglichen Wahnsinns nach einer ganz altmodischen Sache wie ewiger Treue und Liebe.

Und das Schöne: Sie wird ihm bei Gloger zuteil. Wenn der Holländer und Senta (dieses Jahr im schwarzen Kleid) sich finden, entsteht plötzlich inmitten einer Atmosphäre von Geldgier und Erfolgsstreben eine fast ausgelassene, fröhliche Stimmung, eine echte Verliebtheit. Gerade das zentrale Duett Holländer-Senta hat Gloger nochmals intensiv durchinszeniert – und mit neuen Hintergrundprospekten versehen, die mit schwarzen Farbstreifen wie das Blut des Holländers in Wallung geraten.

Die Geschichte zwischen Senta und Holländer geht bekanntlich schlecht aus, weil sich da noch Hausmeister Erik mit Jugendbildern von seiner früheren Beziehung zu Senta einmischt, und weil der Holländer in Herzensangelegenheiten viel zu schnell aufgibt. Senta macht bei Gloger Harakiri und stürzt sich in die finale Umarmung mit dem Geliebten, fast eine original Wagnersche Erlösungspose. Die Regie aber kann sich den bösen Schlusskommentar nach einem Zwischenvorhang nicht verkneifen: Denn das Modell Erlösung beschert als Kitsch-Statue der Firma Daland neuen Auftrieb

Unklar ist, wieso auf eine solch durchdachte, das Werk schlüssig in die Jetztzeit transferierende Deutung noch Buhs im Festspielhaus kommen. Einhelligen Jubel gab es dagegen bei der Premiere für Dirigent Christian Thielemann: Er ließ die Holländer-Fluten mit dem wie immer exzellenten Festspielorchester brodeln – wenngleich in der Ouvertüre noch verhaltener als sonst, fand aber vor allem in den großen Chorszenen zur bekannten satten Fülle und Wucht, mit denen er dennoch nie die Sänger zudeckt. Allen voran sei diesmal der einzigartige Chor der Bayreuther Festspiele (Leitung: Eberhard Friedrich) gelobt. Nicht nur für die bekannte Klanggewalt und Präzision, sondern auch fürs bestens einstudierte Spiel.

Auch Samuel Youn, der Holländer-Premieren-Einspringer nach der Nikitin-Affäre aus dem vergangenen Festspieljahr, ist 2013 an seiner Aufgabe großartig gewachsen. Schon im Eingangs-Monolog lässt er hören, dass seine Stimme an Tragfähigkeit und Ausstrahlung gewonnen hat und fähig ist zu vielschichtiger Interpretation. Nach Adrianne Pieczonka steht in diesem Jahr Bayreuth-Wiederkehrerin Ricarda Merbeth als Senta auf der Bühne – nicht so farbenreich und dramatisch wie ihre Vorgängerin, aber dennoch mit mühelos geführtem, schlanken Sopran. Franz-Josef Selig liefert zudem ein Kabinettsstückchen als Daland: Herrlich voluminös der Bass, in jeder Sekunde textverständlich und im Spiel ein köstlich geldgieriger Biedermann. In Spiellaune und Stimmqualität steht ihm Steuermann Benjamin Bruns in nichts nach. Der Überraschung-Erfolg des Abends aber gebührt dem neuen Erik Tomislav Muzek, der mit klangvoller, strahlender Tenorstimme der undankbaren Partie Leben und Seele einhauchte. Insgesamt ein festspielwürdiger Abend zum Beginn der Bayreuther Festspielsaison 2013.