Bayreuth: Als Zuschauer auf der Festspielbühne
Der Star und die übrigen Mitwirkenden: Camilla Nylund (Elisabeth) im „Tannhäuser“ steht im Vordergrund, während hinten der Festspielchor agiert und ein Bühnenpublikum sich die Inszenierung von Sebastian Baumgarten ansieht, darunter auch unsere Kritikerin. - Foto: Bayreuther Festspiele
Bayreuth
Bis im Wagner-Jahr 2013 plötzlich eine ungewöhnliche Einladung kommt: die der „Taff“, des „Teams aktiver Festspielförderer“, als Zuschauer auf der Festspielbühne im „Tannhäuser“ zu sitzen – was die aktuelle Inszenierung sogar fordert. Die „Taff“, das ist keine „Konkurrenz“ zu den wichtigen Sponsoren der „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“, vielmehr eine Ergänzung. Menschen, die sich besondere Einblicke und Künstlerkontakte ebenso wünschen wie den Austausch in der Pause beim schnell aufgebauten Sekt-Imbiss im Festspielpark. Türen werden sich mir öffnen, die bislang nur den Akteuren der Festspiele vorbehalten waren. Eine einmalige Chance, denn normalerweise gehören die Zuschauer auch in Bayreuth in den Zuschauerraum.

Regisseur Sebastian Baumgarten aber braucht im Biogasanlagen-Bühnenbild seiner Produktion (Joep van Lieshout) eine Handvoll Stühle mit Zuschauern, die das Bühnenbild vervollständigen, wenngleich sie nicht mitspielen (dürfen). Vorab erhalten wir eine detaillierte Einweisung: Keine Schleppen und kostbaren Roben, keine Jacken und Taschen, nur Ballerinas. Kaugummis und Bonbons sind ebenso tabu wie Sitzkissen. Den kleinen blauen Fleck am Rücken (auch auf der Bühne gibt es aus akustischen Gründen Holzstühle) aber ist die Sache wert. Ein Bühnenmeister geleitet unser Grüppchen, das auf der Westseite der Bühne sitzen wird, durch die Katakomben des Hauses. Zwei Japaner (zwölf Stunden Flug für Richard) sind meine härtesten Konkurrenten um die Plätze ganz vorne, von denen man einmalig sehen soll. Dann haben wir es geschafft: gemeinsam in Reihe eins.

Der Vorhang ist schon offen, denn in der Bühnen-Miniaturwelt wird schon gearbeitet und gelebt. Von echten Statisten im Kostüm. Der Blick schweift über die riesige Bühne, die bis hinten offen ist und zurück in den Zuschauerraum, der seine Sitzreihen elegant nach dem Vorbild eines Amphitheaters nach oben schwingt. Seltsam klein sieht er aus, der Raum, der mir sonst so riesig groß, so mächtig erscheint. Das Ehepaar aus Tokio lächelt in Reihe zwei, wo ein Freund verstohlen Fotos macht. Winken ist nicht erlaubt. Es wird zusehends voller da draußen im Publikum, auch die Musiker sitzen schon drunten im Graben. Pardon: im mystischen Abgrund, dem einzigartigen Bayreuther Orchestergraben, der treppenförmig sehr weit unter die Bühne reicht. Man sieht von der Bühne aus nur die ersten Geigen, um den Dirigenten herum gruppiert.

Axel Kober, im normalen Leben GMD der Deutschen Oper am Rhein, erscheint im Poloshirt, lacht, witzelt mit seinem Konzertmeister. Fröhliche Musikergesichter blicken uns an. Freiwillig verbringen sie Sommer für Sommer ihre Theaterferien hier im Bayreuther Abgrund, wenn andere auf Mallorca schmoren. Geschmort wird in Sachen Temperatur auch hier – aus Gründen der Unsichtbarkeit in leichtem Alltagsgewand, denn eine Schallmuschel verhindert den Blick des einfachen Publikums aufs Orchester. Wir oben auf der Bühne sind erwählt und dürfen sehen.

Im Publikum tritt jetzt der Moment ein, den ich so liebe: Nach synchronem Schließen der Türen verlöschen langsam die Lichter. Und dann ist – Stille. Andächtige Stille. Gebannt wartet das Publikum auf den ersten Ton, die Erlösung aus dem mystischen Abgrund. Dort steht lächelnd und gar nicht mystisch Maestro Kober und wartet. Dann leuchten rote Lichter am Dirigentenpult auf, damit auch der Bläser weit unten im Abgrund sieht: Es geht los. Und dann geht es los. Die Musik flutet auf die Bühne, brandet auf. Glasklar liegen die ersten Geigen über allem, etwas gedämpft klingt das schwere Blech. Der typische Bayreuth-Klang mischt sich erst im Publikum optimal, dennoch ist der Eindruck überwältigend.

Kein Video lenkt ab und das Bühnenbild ist im dritten Aufführungsjahr dieses „Tannhäuser“ schon lange kein Schock mehr. Vor allem, wenn man mitten drin sitzt. Plötzlich wird direkt vor meinen Füßen gespielt. Mit einer Leidenschaft, die ich so aus Reihe 29 trotz Opernglas bislang nicht erspüren durfte. Die Funken sprühen zwischen den Protagonisten, unsichtbare Bänder scheinen sie zu verbinden. Bänder, die sich unbemerkt auch um uns Bühnen-Zuschauer legen: Plötzlich ist es da, das „Wir“-Gefühl. Ja, wir geben unser Bestes, in jeder kleinsten Partie! Und meine erklärten Lieblinge der Produktion sind nicht mehr nur Stars, sondern Teil des Ganzen. Als dann noch der Chor auftritt, ist das Bühnenwunder perfekt. Und plötzlich ist es nicht mehr so interessant, wie und wann die Souffleuse Texte vorformuliert und Einsätze für die Sänger gibt, plötzlich sind auch die roten Lichtchen an den Stäben der Co-Dirigenten für den Chor nicht mehr so aufregend – denn es geht nur noch um das Mittendrin sein im Meer der Musik, unter Menschen, die aus vollem Herzen für die Sache Wagner da sind. Gerade noch rechtzeitig ziehe ich meine Beine ein, als Wolfram von Eschenbach direkt neben mir nach vorne huscht.

Als vor Beginn des dritten Aufzugs Buhs für die Inszenierung auf die Bühne schallen, empfinden wir sie wie eine Ohrfeige. Ein paar Statisten zelebrieren, bevor die Musik beginnt, eine Messe. Regisseur Baumgarten will es so. Der Text ist spannend – irgendwo zwischen „Parsifal“ und „Schöner neuer Welt“. Wie unfair ist das von „denen da draußen“, unsere Statisten-Kollegen auszubuhen, die nicht wie wir nur zusehen dürfen, sondern agieren müssen! Ein Buh auf die Bühne trifft ins Mark – ebenso aber wirkt der Schlussbeifall wie ein Orkan, der sich über den Graben auf die Bühne wälzt.

Gerade noch rechtzeitig schließt sich der Vorhang, bevor die „Tannhäuser“-Crew umgepustet werden kann. Da sind auch sie: Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner, die Festspielleiterinnen. Den ganzen Abend waren sie hoch konzentriert präsent, jetzt sind sie bei den Sängern, umarmen, gratulieren, strahlen. Das ist echtes Festspielflair, weit entfernt von alltäglicher Theaterroutine. Richard wäre glücklich gewesen.