Was mit den drei unterschiedlichen Ansätzen jeweils entsteht, sind beziehungsreiche, stimmungsvolle und sinnliche Gesamtkunstwerke.

"Together" heißt die Arbeit des Augsburger Hauschoreografen Riccardo De Nigris, doch zunächst geht es weniger um das große Gemeinschaftsgefühl eines Bruce-Springsteen-Konzertes, sondern um das Verhältnis von Mann und Frau. Anfangs stehen sich dabei die Tänzerinnen und Tänzer - in vertauschten Rollen - gegenüber: aggressive Männlichkeitsrituale hier, soziale Intelligenz und Empathie dort.

Doch dann beginnen sie die Reise aufeinander zu. Der Impuls geht von einem Mann aus, der eine typische Springsteen-Figur ist: ein Suchender, Träumer, der ausbricht und sich auf eine Reise begibt, deren Ziel er nicht kennt. Sein Koffer wird zum wichtigsten Gegenstand auf der Bühne: In ihm ist eine Kamera, die Livebilder aus den unterschiedlichsten Perspektiven aufnimmt und in kontrastarmen Schwarz-Weiß-Bildern in den Raum und auf die Wände projiziert. Der Zuschauer sitzt mitten zwischen den Tänzern und gleichzeitig in einem Springsteen-Song. Mitunter funktionieren Video und Beamer auf der Bühne eben doch richtig gut. Interessant auch, wie De Nigris Songs umdeutet und gegen den Strich versteht, etwa die Aids-Elegie "Streets of Philadelphia", die zu einem positiven Lied wird, eine der Passagen seiner Choreografie, in der die langsamen Annäherungen und Anziehungen die Oberhand über die Gegensätze gewinnen. Denn am Schluss steht eben doch die Gemeinschaft, das Together, wie am Ende eines Konzerts: unten im Publikum und oben auf der Bühne bei Springsteens legendärer E-Street-Band.

Um den Einzelnen, seine - widersprüchlichen - Rollen, um die Diskrepanz zwischen Innen und Außen, den Abstand zwischen Selbstbild und dem Bild, das die anderen von einem haben, geht es dagegen in Marguerite Donlons "Heroes-A" zu Songs von David Bowie, dem Meister des Rollenwechsels und Identitätsspiels. Das "A" steht für Augsburg, "Heroes" wurde schon in Saarbrücken, Hagen und Kiel gespielt und jeweils auf die Tänzer zugeschnitten. Dabei überschreitet Marguerite Donlon die Gattungsgrenzen, die Tänzer werden zu Schauspielern, Sängern, Musikern, sie singen und erzählen: erfundene Geschichte oder auch ihre eigenen, traurige, nachdenkliche, lustige Geschichte. Da gibt es den Helden, der eigentlich ein Feigling ist, den verkappten Exhibitionisten oder den Tänzer, dessen Karriere nach einem Fußbruch zu Ende schien, bevor sie richtig begonnen hatte, und der sich seinen Traum doch erfüllt. "Heroes" sind sie auf ihre Art alle, und sie nehmen die Zuschauer mit in ihre unterschiedlichen Geschichten, die so verschieden sind wie die Gesichter David Bowies und seine Songs, von "Rebel" über "Space Oddity" zu "Fame" und, natürlich, "Heroes".

Der "Club 27" ist jener legendäre Kreis von Rockstars, die alle mit 27 Jahren starben: von Brian Jones über Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison bis hin zu den Nachzüglern Kurt Cobain und Amy Winehouse. Sie alle hatten nicht nur gemeinsame musikalische Wurzeln und den genialischen Gestus der Rebellion, sondern auch den fatalen Hang zu Janis Joplins Motto: "Live hard, love hard, die young." Ballettdirektor Ricardo Fernando macht in seiner Choreografie aus dem imaginären Club einen tatsächlichen, in dem sich die Leute treffen, miteinander reden, sich streiten, sich verlieben, um die Jukebox stehen und natürlich tanzen. Vom langsamen Blues mit dem "wahrscheinlich längsten Kuss der Tanzgeschichte" (Augsburgs Ballettmanager Armin Frauenschuh) bis zu psychedelischen Doors-Songs oder dem zornigen, rauen Grunge von Nirvana - alles zusammen eine völlig unsentimentale Hommage an die toten Helden. Und am Ende singt Jim Morrisons "Bird of Prey", im Club 27 sind alle müde, das Licht geht aus - und die Zuschauer haben einen langen kurzweiligen Abend erlebt, der viel, viel Freude macht. Rocksongs und Ballett? Geht eben doch.

Weitere Aufführungen in der Brechtbühne: 14., 17., 18., 21. Februar und im weiteren Verlauf der Spielzeit.