Das Lebensgefühl der 60er, das in Galt MacDermonts Musical „Hair“ gefeiert wird – ganz nach der Parole „Make love – not war!“ der Flower-Power-Generation – trifft auch heute noch den Nerv der Zeit. Der Traum vom Sieg eines unangepassten, gewaltfreien Lebens, von offener Homosexualität ohne Tabus, unbehelligt kreisenden Joints und freier Liebe, scheint auch im Zeitalter von Aids, i-Phone und Mainstream noch ungebrochen. Und sei es nur als eine Art von Nostalgie. Denn anders lässt sich der ungebrochene Erfolg des 1967 in New York aufgeführten Musicals nicht erklären, das derzeit wieder viele deutsche Bühnen erobert.

Doch, wie das kluge Augsburger Programmheft bemerkt: Der gewaltlose Widerstand der Hippies endete gewöhnlich mit brutaler Polizeigewalt, Massenverhaftungen und Tränengas – und zieht bemerkenswerte Parallelen zu den aktuellen Vorkommnissen in Istanbul. Jegliche optische Anspielung auf solche noch viel zu aktuellen Probleme wird allerdings in der neuen Augsburger Freilichtbühnen-Produktion vermieden. Dafür wird die Zweiteilung der Freilicht-Bühne geschickt genutzt: Oben auf der Empore schikaniert der Major die Soldaten – sie müssen ihre Haare lassen, werden in den Vietnam-Krieg transportiert, seilen sich verzweifelt aus kleinen Kerker-Fenstern ab. Unten haben die Hippies ihr Lager aufgeschlagen mit bunt bemalten Bussen und Zelten unter einem überdimensionalen Regenbogen, gewandet in zumeist sehr ansehnliche und fantasievolle Gewänder der Blumenkinder-Zeit (Bühnen- und Kostümbild: Timo Detler und Okarina Peter) mit blau glitzernden Reminiszenzen ans „Zeitalter des Wassermanns“. Wenn dann nach der Pause zu „Good morning, starshine“ der Bühnenmond über der Szenerie schwebt und an ihm eine ganze Kette mit leuchtenden Laternen, ist die Stimmung perfekt – auch wenn der Räucherstäbchenduft fehlt. Und trotz Visionen des Vietnamkriegs, trotz eingespielten Hubschraubern setzen sich „Sunshine“ und die Peace-Stimmung immer wieder unerschütterlich durch.

Doch nicht nur optisch hat diese neue Freilicht-Produktion einiges zu bieten: Auch musikalisch und darstellerisch gibt es nur Gutes zu berichten. Vor allem aber überzeugt die Choreografie der Musical-Spezialistin Natalie Holtom, die für die Produktion absolut bestimmend ist – immer einfallsreich und vielfältig, dabei die Möglichkeiten der breiten Bühne nutzend und sogar mit dem (nassen) Bühnenboden spielend. Die Tänzerinnen und Tänzer des Augsburger Balletts beeindrucken durch Können und Ausstrahlung, aber selbst die Protagonisten werden von Regisseur Manfred Weiß geschickt in Choreografien mit eingebunden – sodass das Ganze sich im Verlauf des Abends von der anfänglichen Nummern-Revue immer mehr zu einem geschlossenen Stück steigert.

Solistisch überzeugen Andy Kuntz als kompromissloser Berger mit echter Rockstimme und der besten Bühnenpräsenz des Abends, aber auch Ulrich Rechenbach als mit dem Kriegsdienst hadernder Claude und Christopher Busietta (Woof) mit hoher Tenorstimme machen ihre Sache gut. Bei den Damen führen Sopranistin Cathrin Lange als Balladen-starke Crissy und Jeanette Claßen als aktiv gegen die Gesellschaft protestierende Sheila mit der auf weiblicher Seite stärksten Bühnenpräsenz die Blumenmädchen an – Lea Sophie Salfeld als Jeanie singt gut, hat es in puncto Kostüm aber schlecht erwischt und Tertia Botha gestaltet das berühmte „Aquarius“ bei der Schluss-Wiederholung weitaus überzeugender als zum Musical-Beginn. Wie die ganze Crew langhaarig und voller (Flower)Power präsentiert sich nicht zuletzt die Hair-Band unter der Leitung von Eberhard Fritsche am E-Piano. Fazit: Diese Produktion auf der Augsburger Freilichtbühne macht rundum Spaß und hat das Zeug zum Publikums-Renner.

Weitere Vorstellungen vom 2. bis zum 27. Juli.