Ein Zahn in der Suppe
Augsburg (DK) Glücklich, wer nur ein Haar in der Suppe findet. Wer aber neben Zitronengras, Ingwer, Kokos und Bambus auch noch einen blutigen, kariösen Zahn in der roten Curry-Suppe entdeckt, dürfte ahnen, dass Merkwürdiges vor sich geht. Die Zuschauer von „Der goldene Drache“ im Theater Augsburg wissen, wie der Zahn dorthin gelangte.

Bewegt, nicht immer bewegend: Regisseur Ramin Anaraki bleibt mit der Inszenierung immer wieder dem Banalen verhaftet - Foto: Schötzel
In dem Stück von Roland Schimmelpfennig, einem der meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker der Gegenwart, geht es um die Parallelwelt jener Menschen, die mitten unter uns leben, die wir aber nie wahrnehmen – auch nicht wahrnehmen wollen. Diese Ausländer, ein diffuses, nicht näher spezifiziertes Thai-China-Vietnam-Gemisch, das genauso gut aus Senegalesen, Tunesiern und Kenianern oder aus Rumänen, Polen und Albanern bestehen könnte, arbeiten in der Küche des „Goldenen Drachen“. Gäste und Bewohner der umliegenden Häuser sind buchstäblich nur wenige Meter von ihnen entfernt, doch sie sind beschäftigt mit ihren eigenen Sorgen: ungewollte Schwangerschaft, verlorene Jugend, verloschene Liebe. Wer hat da noch einen Blick für das Drama, das sich in der Küche des Restaurants abspielt?
Das Stück arbeitet mit Mitteln der Verfremdung, um das Persönliche sichtbar zu machen. 17 Rollen werden von fünf Schauspielern gespielt, die Szenen wechseln oft im Minutentakt, Regieanweisungen werden mitgesprochen. Das erklärte Ziel des Autors ist es, mit diesen Mitteln den Figuren so nahe wie möglich zu kommen. Der Regie von Ramin Anaraki will das nicht gelingen, vielleicht beabsichtigt es auch nicht.
Anaraki hat sich für ein Wechselspiel aus tragischen und komischen Sequenzen entschieden, das nie richtig in die Balance kommt und durch zu viel Komik im Banalen verhaftet bleibt. Das zeigt sich besonders an der Schlüsselfigur: der „blonden Stewardess“, die zu Gast im Lokal ist, im selben Gebäude wohnt und besagten Zahn in ihrer Suppe findet. In ihrer Rolle öffnet sich mehrmals für einen kurzen Moment das Fenster in die Parallelwelt. Sie nimmt sich des Zahns in einer sehr schlichten, aber extrem anrührenden Szene an. Indem Ramin Anaraki Klaus Müller die Stewardess parodistisch überzeichnen lässt, wird die Szene verschenkt. Es mag der Einsatz von Komik als Mittel der Distanz durchaus angemessen sein. Wenn dadurch aber der empathische Zugang zum Stück verweigert wird, sollte der intellektuelle gewährt werden. Die Inszenierung dieses hochinteressanten Stücks verwehrt beide. Das mindert nicht die Leistung des fünfköpfigen Ensembles im „Rollen-Hopping“, etwa von Lea Sophie Salfeld, die im Sekundenrhythmus vom gepeinigten Küchenjungen zum aggressiv-betrunkenen Ekelpaket wird.
Dem sprunghaften Tableau angepasst wurde das Bühnenbild im Textilmuseum, eine der Behelfsspielstätten des Theaters Augsburg, das dort ohne große Bühnentechnik auskommen muss. Tatjana Kausch hat sich für mobile Wagen entschieden, wie sie Maler verwenden, um an mehreren Stellen in unterschiedlichen Höhen zu arbeiten. Diese Wagen können von den Schauspielern nach Bedarf umhergeschoben und verändert werden, und sind so bestückt, dass mitunter die Dekoration auch gleich angezogen werden kann.
Die Premiere am Samstag war also nicht ohne ein Haar in der Suppe. Aber wer sie gesehen hat, weiß: Glücklich sind die, die nur ein Haar in der Suppe finden.
Von Carina Lautenbacher

