Mittwoch, 30.05.2012 |

 

05.02.2012 19:18 Uhr | 164x gelesen
Drucken Text vergrößern

Ein Zahn in der Suppe


Bild: Ein Zahn in der Suppe. Augsburg Augsburg (DK) Glücklich, wer nur ein Haar in der Suppe findet. Wer aber neben Zitronengras, Ingwer, Kokos und Bambus auch noch einen blutigen, kariösen Zahn in der roten Curry-Suppe entdeckt, dürfte ahnen, dass Merkwürdiges vor sich geht. Die Zuschauer von „Der goldene Drache“ im Theater Augsburg wissen, wie der Zahn dorthin gelangte.

Augsburg (DK) Glücklich, wer nur ein Haar in der Suppe findet. Wer aber neben Zitronengras, Ingwer, Kokos und Bambus auch noch einen blutigen, kariösen Zahn in der roten Curry-Suppe entdeckt, dürfte ahnen, dass Merkwürdiges vor sich geht. Die Zuschauer von „Der goldene Drache“ im Theater Augsburg wissen, wie der Zahn dorthin gelangte.


Augsburg: Ein Zahn in der Suppe
Bewegt, nicht immer bewegend: Regisseur Ramin Anaraki bleibt mit der Inszenierung immer wieder dem Banalen verhaftet - Foto: Schötzel
Er wurde mittels Rohrzange einem jungen Asiaten gezogen, der sich unter Schmerzen wand, aber keinen Arzt aufsuchen konnte: keine Papiere, keine Krankenversicherung, keine Hilfe.

In dem Stück von Roland Schimmelpfennig, einem der meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker der Gegenwart, geht es um die Parallelwelt jener Menschen, die mitten unter uns leben, die wir aber nie wahrnehmen – auch nicht wahrnehmen wollen. Diese Ausländer, ein diffuses, nicht näher spezifiziertes Thai-China-Vietnam-Gemisch, das genauso gut aus Senegalesen, Tunesiern und Kenianern oder aus Rumänen, Polen und Albanern bestehen könnte, arbeiten in der Küche des „Goldenen Drachen“. Gäste und Bewohner der umliegenden Häuser sind buchstäblich nur wenige Meter von ihnen entfernt, doch sie sind beschäftigt mit ihren eigenen Sorgen: ungewollte Schwangerschaft, verlorene Jugend, verloschene Liebe. Wer hat da noch einen Blick für das Drama, das sich in der Küche des Restaurants abspielt?

Das Stück arbeitet mit Mitteln der Verfremdung, um das Persönliche sichtbar zu machen. 17 Rollen werden von fünf Schauspielern gespielt, die Szenen wechseln oft im Minutentakt, Regieanweisungen werden mitgesprochen. Das erklärte Ziel des Autors ist es, mit diesen Mitteln den Figuren so nahe wie möglich zu kommen. Der Regie von Ramin Anaraki will das nicht gelingen, vielleicht beabsichtigt es auch nicht.

Anaraki hat sich für ein Wechselspiel aus tragischen und komischen Sequenzen entschieden, das nie richtig in die Balance kommt und durch zu viel Komik im Banalen verhaftet bleibt. Das zeigt sich besonders an der Schlüsselfigur: der „blonden Stewardess“, die zu Gast im Lokal ist, im selben Gebäude wohnt und besagten Zahn in ihrer Suppe findet. In ihrer Rolle öffnet sich mehrmals für einen kurzen Moment das Fenster in die Parallelwelt. Sie nimmt sich des Zahns in einer sehr schlichten, aber extrem anrührenden Szene an. Indem Ramin Anaraki Klaus Müller die Stewardess parodistisch überzeichnen lässt, wird die Szene verschenkt. Es mag der Einsatz von Komik als Mittel der Distanz durchaus angemessen sein. Wenn dadurch aber der empathische Zugang zum Stück verweigert wird, sollte der intellektuelle gewährt werden. Die Inszenierung dieses hochinteressanten Stücks verwehrt beide. Das mindert nicht die Leistung des fünfköpfigen Ensembles im „Rollen-Hopping“, etwa von Lea Sophie Salfeld, die im Sekundenrhythmus vom gepeinigten Küchenjungen zum aggressiv-betrunkenen Ekelpaket wird.

Dem sprunghaften Tableau angepasst wurde das Bühnenbild im Textilmuseum, eine der Behelfsspielstätten des Theaters Augsburg, das dort ohne große Bühnentechnik auskommen muss. Tatjana Kausch hat sich für mobile Wagen entschieden, wie sie Maler verwenden, um an mehreren Stellen in unterschiedlichen Höhen zu arbeiten. Diese Wagen können von den Schauspielern nach Bedarf umhergeschoben und verändert werden, und sind so bestückt, dass mitunter die Dekoration auch gleich angezogen werden kann.

Die Premiere am Samstag war also nicht ohne ein Haar in der Suppe. Aber wer sie gesehen hat, weiß: Glücklich sind die, die nur ein Haar in der Suppe finden.


Von Carina Lautenbacher

Artikel weiterempfehlen  Empfehlen Artikel verlinken  Artikel verlinken

Wenn Sie diesen Artikel von donaukurier.de verlinken möchten, können Sie einfach folgenden HTML-Code verwenden:

 

Drucken  Drucken  Leserbrief schreiben   Leserbrief Kommentare lesen/schreiben  Kommentieren
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingelogged sein!
Benutzername  
Passwort      
Noch keinen Zugang?
Jetzt kostenlos registrieren!
Anmeldung über Cookie merken

 
 


Weitere Themen 
Raritäten und Klassik-Schlager
"Die Kunst geht nicht nach dem Markt"
"Eine tolle Auswahl"
Literarisches Fräuleinwunder
Die Schönheit der Leiber
Frisch aus dem Baumarkt
Großes Herz
Das Fremde in uns
Per Karussell nach Moskau
Unheimliches Idyll
 


>