Augsburg: Aus marxistischer Sicht
Macht, Geld und Gewalt: Szene mit Sebastian Müller-Stahl (links) und Klaus Müller. - Foto: Fuhr
Augsburg

Müntzer und Luther stehen im Titel von Dieter Fortes Stück "Martin Luther & Thomas Müntzer oder Die Einführung der Buchhaltung". Und die "Buchhaltung", also das Kapital, ist das, was sie beiden zu Spielbällen der Mächtigen werden lässt. Frühkapitalismus trifft auf Frühsozialismus, und Forte lässt keinen Zweifel, wem seine Sympathien gehören. Das ist ein 68er-Stück (Uraufführung 1970), das aus marxistischem, man mag auch sagen vulgärmarxistischem Blickwinkel auf die Geschichte blickt und natürlich die Gegenwart meint. Dabei reißt es die deutsche Ikone Luther vom Sockel und demontiert diesen Mythos.

In fünfjähriger Arbeit hat Forte Briefe, Predigten, Reden, Urkunden und andere Dokumente zu einem Riesentext kompiliert. Er arbeitet fast ausschließlich mit Originalmaterial und arrangierte es. Das verspricht Authentizität und ist doch manipulativ und zugleich hoch faszinierend.

Nur, wie bringt man dieses Lesedrama mit geschätzten zehn Stunden Text auf die Bühne? Maik Priebe tut das, indem er auf der Augsburger Brecht-Bühne die Masse auf knapp drei Stunden kondensiert und sich zunächst an den Vorstellungen von Forte selbst orientiert. Der verstand es als Volksstück, prall, mit durchaus derbem Humor, wie es eine fahrende Schauspielertruppe aufführt, mit nur angedeuteten Kostümen und einem Bretterwagen, dazu macht Stefan Leibold Musik mit allen möglichen und unmöglichen Instrumenten. Priebe lässt die Schauspieler verschiedene Rollen spielen, und ein glänzend aufgelegtes Ensemble zeigt uns die Figuren als eindringliche, amüsant überzeichnete Typen, mitunter als wundervolle Karikaturen: Den donnernden und vulgären Friedrich von Sachsen etwa (Kai Windhövel), den vor allem die Macht und die Einnahmen aus Ablass- und Reliquienhandel interessieren, den Papst (Natalie Hünig), der an Kunst, Wissenschaft und Vernunft, nur nicht an Gott glaubt, Kaiser Maximilian (Klaus Müller) mit viel österreichischem Schmäh, aber pleite, permanent bettelnd ("Hast a Goild"), der Karl V. zu seinem Nachfolger machen möchte, ein quengelndes Kind, und, im Zentrum aller Macht, Jakob Fugger (Andrej Kaminsky). Er bestimmt mit seinem Geld, wer herrscht und wer nicht, baut seine Monopole aus und hält die doppelte Buchführung für die größte Erfindung der Menschheit: "Alles wird Kapital, das sich vermehren muss". Frühkapitalismus oder Neoliberalismus? Die Frage wird zumindest suggeriert, obwohl die Augsburger Inszenierung, bis auf wenige Ausnahmen (der Augsburger Reichstag als Love Parade), auf Verweise auf die Gegenwart verzichtet - was auch gut so ist.

Mittendrin in diesem Geflecht aus Macht, Geld und Gewalt, in dem auch die zynischen Technokraten und Funktionäre der Macht wie der kurfürstliche Geheimsekretär Spalatin (Sebastian Baumgart) oder Kardinal-Legat Cajetan (Sebastian Müller-Stahl) in Augsburg brillant dargestellt werden, Luther. Dessen Denkmalsturz wird gründlich vollzogen. Die Thesen? In Auftrag gegeben vom sächsischen Kurfürsten im Streit um Ablässe. Der verweigerte Widerruf? Ebenfalls Ergebnis politischen Drucks, nicht Gewissensentscheidung. Die Kerninhalte der Reformation? Im Interesse der Mächtigen, ihm diktiert. So wird aus Luther ein zunächst naiver, später größenwahnsinniger und noch später von den Geistern, die er rief, tief erschrockener Ideologielieferant, Spielball der Mächtigen, von ihnen fast nach Belieben instrumentalisiert. Den Wechsel auf die Seite der Macht, die Wandlung zum "Büttel der Fürsten" unterstreicht in Augsburg ein Wechsel der Darsteller: Marlene Hoffmann, die den Luther spielte, ist später Müntzer, Daniel Schmidt, vorher der dicke Albrecht von Brandenburg, stellt dann den Reformator dar.

Im zweiten Teil der Inszenierung wird das pralle Volksstück dann zum eindringlichen, intensiven Sprech- und Gedankendrama. Bis auf die große Europakarte am Boden ist die Bühne leer, die Requisiten und Kostüme sind verschwunden, die Schminke auch. Das Ensemble tritt als Kollektiv auf, das einzelne, zum Teil stark fragmentierte Textelemente zitiert, sie gegenüberstellt, Widersprüche zeigt, Bilanz zieht. Die Grausamkeit des Krieges gegen die Bauern, die vielen Opfer, der Zynismus der Mächtigen, die Heucheleien der Geistlichen, die Gier nach Macht und Geld, die der Motor ist, der diese ganze Welt antreibt - alles wird noch mal angesprochen. Und, nochmaliger Kontrast, mit Kirchenliedern von Luther als Soundtrack unterlegt.

"Was ist uns da erzählt worden", fragt Dieter Forte am Ende des Nachworts zu seinem Stück mit Blick auf das lange tradierte Luther-Bild, mehr noch mit Blick auf unser Geschichtsbild. Gleichwohl will auch dieses Stück, bei aller Verwendung von "objektivem" Material, nicht objektiv sein. Es ist mit Verve "dagegen" geschrieben. Mit und in dieser kurzweiligen, mitunter fulminanten Inszenierung, die sich nahtlos in die überzeugenden Produktionen dieser Spielzeit einreiht, dürfen wir uns nun daran abarbeiten und für uns prüfen, wie die "modellhaften Konstellationen", die Forte entdeckt hat, heute aussehen, ob es sie überhaupt gibt, und auch wir sollen und müssen uns fragen, was uns da erzählt worden ist. Denn so einfach ist es dann ja auch nicht. Auch in diesem Fall gilt für historische Dramen dasselbe, was Lion Feuchtwanger einmal über historische Romane gesagt hat: Man lernt in ihnen nicht etwas über die Vergangenheit, sondern über die Gegenwart. Und sei es nur, Fragen zu stellen und infrage zu stellen. Auch über die ideologische Grundausrichtung eines Stückes.

Weitere Aufführungen: 2., 9., 15., 16., 23., 26., 29. Dezember. Kartentelefon: (08 21) 3 24 49 00.