Vor: "Liebe deine Monster!"
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Ingolstadt

Herr Filser, wie kommt man eigentlich darauf, sich mit Monstern zu beschäftigen? Was ist an Monstern so faszinierend?

Hubert Filser: Ich bin durch Zufall auf das Thema gekommen, als ich die für ihre Steinzeitmalereien berühmte Höhle von Chauvet in Südfrankreich besuchte. Viele der beeindruckenden Zeichnungen kannte ich schon aus Veröffentlichungen: die wilden Stiere, die Löwen, die sich paaren, die Rentierherde im Galopp. Eine Zeichnung im hintersten Winkel kannte ich nicht, ein merkwürdiges Mischwesen, halb Frau, halb Stier. Dieses Mischwesen, das ich plötzlich an einem Überhang entdeckte, überraschte mich. Es war der Anfang meines Monster-Buchs. Denn die Minotaurus-Gestalt ist 37 000 Jahre alt. Ich habe mich gefragt: Warum kamen die Menschen wohl darauf, sich solche Wesen auszudenken? Seit damals gab und gibt es in jeder Kultur der Welt Monster, in jeder Gesellschaft und für jeden Einzelnen. Sie haben etwas mit uns zu tun. Was dieses Höhlenerlebnis mir als Grundton für mein Buch mitgegeben hat, ist, dass diese Wesen sich in seltsamen Umgebungen aufhalten, am Rand der Welt. Es sind Grenzbewohner. Die Grenzen, die dunklen Seiten in einem, das hat mich beschäftigt.

 

Man hätte sich auch denken können, dass ein Ingolstädter durch das berühmteste Ingolstädter Monster, Frankensteins Kreatur, auf das Thema kommt.

Filser: Frankenstein war auch sehr schnell präsent. Seine Kreatur ist ja ein Monster-Archetyp. Natürlich kannte ich den Roman aus meiner Ingolstädter Zeit. Es gibt noch einen anderen Bezug zur Stadt: Paul Schneevogel, ein Gelehrter aus dem 15. Jahrhundert, der in Ingolstadt studierte, schrieb die erste Abhandlung über das Verhältnis von Mensch und Natur. Darin geht es um den Raubbau an der Natur durch den Bergbau und die Frage, was Menschen dürfen. Meine Ingolstädter Biografie war vielleicht nicht die wichtigste Triebfeder. Aber es ist spannend, dass man bei der Beschäftigung mit unterschiedlichen Themen hin und wieder auf die eigene Biografie zurückgeworfen wird.

 

Vor 200 Jahren erschien "Frankenstein" von Mary Shelley. Und noch heute kennt eigentlich jeder die Geschichte. Was ist an "Frankenstein" so neuartig, so ungewöhnlich?

Filser: Frankensteins Kreatur ist eine der faszinierendsten Gestalten überhaupt. Das Monster taucht in einem wichtigen historischen Moment auf. Der Mensch glaubt, über die Welt herrschen zu können, selbst zum Schöpfer zu werden. Gleichzeitig beginnt der Mensch, sich selbst zu entdecken. Diese psychologische Sicht ist im Buch bereits angelegt. Es geht um die Frage, was dürfen wir. Und, wer wir sind.

 

Warum spielt der Roman eigentlich in Ingolstadt?

Filser: Sehr wahrscheinlich war Mary Shelley nie in Ingolstadt. Es gibt eine Szene, in der Frankenstein auf dem Friedhof die Leichenteile zusammensucht. Da geht man davon aus, dass es sich um Ingolstadts ältesten Friedhof handelt, bei der Moritzkirche. Oder die geschilderten verwinkelten Häuser, die es auch in der Altstadt gibt. Das ist allerdings frei interpretierbar.

 

Eigentlich wirken die Beschreibungen aber ein bisschen blutleer.

Filser: Ja. Aber was viel wichtiger ist: Der Roman greift das geistige Klima an der damaligen Universität auf, eine der ältesten und berühmtesten Europas. Er beschwört einen Ort der Aufklärung.

Den es aber zu der Zeit bereits gar nicht mehr gab?

Filser: Die Universität gab es seit 1800 nicht mehr in Ingolstadt. Der Roman war eine Art Hommage. Shelley schrieb eine Erinnerung an eine Welt, die sie faszinierte. Sie kannte den Ruf der Universität. Ihr späterer Mann Percy Shelley interessierte sich sehr für den geheimnisvollen Orden der Illuminaten, der ja von Adam Weishaupt in Ingolstadt begründet wurde.

 

Was sind die Umstände, unter denen der Roman geschrieben wurde?

Filser: Der Roman entstand am Genfer See. Dort hatte sich im Sommer 1816 in der Villa Diodati eine illustre Runde um den Dichter Lord Byron zusammengefunden. Das war dieses schlimme Jahr nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien.

 

Der Sommer war eigentlich in diesem Jahr ausgefallen.

Filser: Die Aschewolken verdunkelten den Himmel auf der Nordhalbkugel. Es gab in Europa nur Regen, Ernteausfälle, die Stimmung war schlecht. Der kleine Dichterkreis konnte kaum aus dem Haus gehen, man nahm Drogen und vertrieb sich die Zeit mit Gespenstergeschichten, man las sich etwa gegenseitig deutsche Schauerromane vor. Jeder sollte zudem selbst eine Geschichte schreiben. In diesem Zusammenhang ist auch die Urfassung von Frankenstein entstanden. Gleichzeitig schrieb John Polidori, der Leibarzt von Lord Byron, übrigens auch die erste literarische Vampirgeschichte.

 

Eine merkwürdige Gleichzeitigkeit.

Filser: So etwas ist ja auch ein Zeichen, ein Ausdruck eines bestimmten Zeitgeistes. Eines düsteren Lebensgefühls, das parallel zu diesem extrem trüben Sommer über ganz Europa schwappte. Diese Literatur war jedenfalls sehr populär. Aber Monster waren immer schon Hauptfiguren in den ersten Bestsellern. Frankenstein ist da nur ein Beispiel.

 

"Frankenstein" ist ja nicht nur ein Monster-Roman, sondern vielleicht auch die erste Science-Fiction. An dem Projekt Frankensteins Monster arbeiten wir eigentlich bis heute. Immer noch geht es darum, künstliches Leben oder einen künstlichen Menschen zu erschaffen.

Filser: Absolut richtig. Künstliche Intelligenz und deren Auswirkungen sind ein großes Thema, das mit Frankenstein erstmals in die Diskussion kam. Die Genschere Crispr-Cas9, mit der es seit einigen Jahren möglich ist, auf sehr einfache Art Veränderungen im Erbgut durchzuführen, wirkt wie ein weiteres zentrales Frankenstein-Motiv. Der Mensch kann sich damit als Schöpfer fühlen. Künstliche Intelligenz (KI) und Genmanipulation sind die beiden wichtigsten wissenschaftlichen Themen des 21. Jahrhunderts.

 

Erstaunlich, dass Mary Shelley bereits in einer Zeit, als das naturwissenschaftliche Forschen gerade erst begann, so hellsichtig die schwarzen Seiten dieser Entwicklung vorhersehen konnte.

Filser: Das ist einer der Gründe, warum ich diesen Titel für mein Buch gewählt habe: "Menschen brauchen Monster". Weil manchmal diese Monster - und Frankenstein ist da ein Idealbeispiel - zeigen, in welche Richtung eine Gesellschaft driften kann. Monster, diese erfundenen Wesen, sind wie ein seismografisches Frühwarnsystem für gesellschaftliche Entwicklungen. Das, was uns heute beschäftigt, begann schon vor 200 Jahren. Der Grundgedanke ist alt und doch aktuell: Wir werden Schöpfer. Und wir werden eines Tages vielleicht von unseren eigenen Schöpfungen überholt und sogar überflüssig gemacht werden.

 

Was können wir aus dieser Geschichte lernen?

Filser: Shelley hat uns eine Botschaft mitgegeben, wie wir mit diesen enormen Veränderungen umgehen sollten: Liebe deine Monster! Ob man das auf KI bezieht oder auf die Gentechnik. Die Lehre heißt nicht: Weg mit diesen Techniken. Wir sollten nicht so naiv sein, nur die negativen Seiten hier zu sehen. Ich bin eh kein Technikfeind. Aber wenn man etwas erschafft und plötzlich negative Folgen wahrnimmt, dann muss man sich eben auch darum kümmern. Das ist ein bisschen wie Kindererziehung. Kinder machen ja auch nicht 24 Stunden am Tag nur Freude. Erziehung ist etwas, was einen fordert. Man sollte seine Kreationen lieben, sich um sie kümmern.

 

Warum wurde "Frankenstein" eigentlich in der Romantik geschrieben?

Filser: Die Romantik spielt atmosphärisch eine große Rolle in diesem Roman. Die geschilderten einsamen Landschaften, die Naturverbundenheit, das idyllisch-verwinkelte Ingolstadt - das sind sehr romantisierende Darstellungen, die damals schon mit der Realität wenig zu tun hatten.

Warum packt uns die Frankenstein-Geschichte eigentlich so sehr?

Filser: Das Frankenstein-Monster ist vielschichtig. Es entsteht auf sehr unheimliche Art in einer Novembernacht. Und es ist unglaublich hässlich. Die Katastrophe beginnt damit, dass sich sein Schöpfer Viktor Frankenstein nicht zu dem Wesen bekennt, dass er es fürchtet und vor ihm flüchtet. Das sind sehr menschliche Gefühle, und deshalb packen einen diese Figuren. In einem gewissen Sinne wird einem klar: Wir sind die Monster. Sie reflektieren unsere Ängste und sie sind unsere Schöpfungen. Der wichtige Übergang, den "Frankenstein" markiert, ist der vom vorgefundenen Monster zum selbst geschaffenen. Das Monster rückt näher, es hat unmittelbar etwas mit uns zu tun. Es ist nicht das böse Andere. Wir selbst werden zum Monster.

 

Woher kommt das Gruselige am Monster?

Filser: Das Monster ist menschenähnlich, aber nicht völlig menschlich: die gelblichen Augen, die merkwürdigen Bewegungen. Wenn man sich moderne Filme anguckt: Am meisten Angst machen die Figuren, die menschenähnlich sind. Das vollkommen Andere ängstigt uns viel weniger. Allein eine kleine Veränderung, eine merkwürdige Bewegung, ein starrer Blick, eine veränderte Stimme genügen, um Grusel zu verbreiten. Forscher sagen, dass wir es hier mit einem alten Frühwarnsystem zu tun haben. Wir beobachten ständig unsere Umgebung und wir erwarten Normalität. Wenn irgendetwas komisch ist, sind wir sofort im Alarmzustand. Für den Urmenschen ging es da oft um Leben und Tod.

 

Neu in der Diskussion gebracht wurde etwas, was bis heute höchste Bedeutung hat: die gesellschaftliche Verantwortung des Wissenschaftlers. Spätestens seit es die Atombombe gibt, wird dieser Gedanke diskutiert.

Filser: Wir betrachten wissenschaftliche Entwicklungen oft losgelöst von ihren Schöpfern. Das halte ich für einen Fehler. Wir müssen die Wissenschaftler mit den Ängsten konfrontieren. Dafür braucht es den direkten Dialog.

 

"Frankenstein" spielt ja in Ingolstadt. Sollte die Stadt mehr aus diesem Thema machen?

Filser: Ja, auf jeden Fall.

 

Besteht nicht die Gefahr, dass die Geschichte vom Monster negativ auf das Image abfärben könnte?

Filser: Entscheidend finde ich wie man den Zugang zum Thema findet. In Ingolstadt gibt es ja auch eine Frankenstein-Tour. Das ist alles etwas spekulativ. Aber hinter dieser Geschichte stecken größere Themen. Ingolstadt hat sich auch als Universitätsstadt entwickelt, was der Stadt sehr gut tut. Es gibt eine Technische Hochschule. Ich fände es schön, wenn Ingolstadt bei dieser großen Tradition auch wieder eine Stätte der Geisteswissenschaften sein könnte. Ingolstadt ist ein herausragender Technologiestandort, da stellen sich automatisch gesellschaftliche Fragen. Audi hat mit den selbstfahrenden Autos mit KI zu tun. Warum sollte man anlässlich des Jubiläums nicht auch über die gesellschaftliche Relevanz des technischen Fortschritts diskutieren?

 

Man sollte sich also nicht zu sehr auf die örtlichen Details konzentrieren?

Filser: Die Details sind im besten Fall Unterhaltung, im schlimmsten Falle Folklore. Der Inhalt ist das Entscheidende. Die Stadt hat ein breites kulturelles Angebot von den Jazztagen bis zum Museum für Konkrete Kunst, das ist der Nährboden für spannende Dialoge. Der Frankenstein-Mythos könnte ein zentraler Diskussionsanstoß sein zwischen Wissenschaft, Industrie und Kultur.

 

Das Gespräch führte

Jesko Schulze-Reimpell.