Belohnte Risikobereitschaft
Ingolstadt (DK) Es schien auf ewig festgeschrieben, dass das Ingolstädter Kammerorchester mit symphonisch-konzertanten Programmen inklusive eines kurzen Blickes auf die moderate Moderne seine Konzerte bestreiten soll. Doch diesmal riskierten Stephan Reil und sein Orchester den Bruch mit dieser Tradition und widmeten sich ausschließlich der Oper. Und siehe da, der Mut, die eingefahrenen Gleise zu verlassen, wurde belohnt. Lange Schlangen an der Abendkasse signalisierten ein erhöhtes Publikumsinteresse und auch die künstlerisch-musikalische Bilanz fiel höchst erfreulich aus.
Der elanvollen Eröffnung mit der Ouvertüre zu Mozarts "Entführung aus dem Serail" folgte gleich mit der "Martern"-Arie der Constanze aus dieser "Entführung" eine immense sängerische Herausforderung für die junge, aus Eichstätt stammende Sopranistin Margriet Buchberger. Mit ihren sicher nachgezeichneten Koloraturen, der Beweglichkeit und Leichtigkeit der Stimmführung und energischer Ausstrahlung stürzte sich Margriet Buchberger in die schwierige Partie und riss mit entflammten Höhen und differenzierter Artikulation die Zuhörer mit.
Ruhiger Kontrast
Auch wenn ihr in den tieferen Regionen noch das stimmliche Volumen fehlt und sie dadurch bisweilen vom Orches- ter überdeckt wurde, zeigte Margriet Buchberger eine bravouröse, gefühlsintensive Interpretation, die im folgenden Duett ("La ci darem la mano") von Zerlina und Don Giovanni mit dem Bariton Thomas Berau einen ruhigen, ausdrucksvollen Kontrast fand. Der aus Ingolstadt stammende Thomas Berau, seit fast zehn Jahren Ensemblemitglied des National-theaters Mannheim und auch ein versierter Lied- und Oratoriensänger, warf bei seinem Soloauftritt mit der Cavatine des Figaro aus Rossinis "Barbier" seine ganze Bühnenerfahrung in die Waagschale. Stimmgewaltig und mit nachdrücklicher darstellerischer Präsenz beherrschte er die Szene, und Stephan Reil brauchte da sein Orchester dynamisch nicht zu bremsen, dass Thomas Berau es mühelos übertönte. Den Tempoverschärfungen des Vokalsolisten konnte allerdings verständlicherweise das Ingolstädter Kammerorchester nicht immer folgen, so dass es gelegentlich zu kleineren Phasenverschiebungen kam, die aber dank der packenden Darbietung nicht ins Gewicht fielen.
Nach der straff, mit unmissverständlichen rhythmischen Akzenten und erfreulich deutlich disponierten Klangverhältnissen musizierten Ouvertüre zu Beethovens Ballett "Die Geschöpf des Prometheus" kehrte man schnell wieder zur italienischen Oper und einem stimmig zusammengestellten Verdi-Block zurück. Thomas Berau gab als Renato ("Non è su lei") aus dem "Maskenball" und als Germont ("Di provenza il mar, il suol") aus "La Traviata" zwei eindringliche Beispiele für kraftvolle Kantilenen, differenzierte Legato-Bögen und mal impulsiv-dramatische, mal lyrisch-elegische Gestaltung und ließ, trefflich unterstützt vom Orchester, eine intensive Ausstrahlung und emotionale Glaubwürdigkeit vorzüglich zur Geltung kommen.
Stürmischer Applaus
Die groß angelegte Szene mit Germont und Violetta aus der "Traviata" krönte dann mit allen Facetten von Leidenschaft und Dramatik die Operngala des Ingolstädter Kammerorchesters. Margriet Buchberger und Thomas Berau vergegenwärtigten mit unwiderstehlicher Eindringlichkeit und subtiler Darstellung diese Szene, wobei das Kammerorchester in seiner ungewohnten Rolle sich hervorragend bewährte. Lang anhaltender, stürmischer Applaus und das da capo des Mozart-Duetts beendeten ein in jeder Hinsicht an- und aufregendes Konzert des Ingolstädter Kammerorchesters.
Donaukurier

