Sie soll den Menschen Privatsphäre und Anonymität im Internet zurückgeben. Ein Gespräch mit dem Visionär.
 
Für absolute Laien: Was ist die Freedom Box?
Eben Moglen: Die Freedom Box ist eine elektronische Anwendung, die die Freiheit, Sicherheit, Anonymität und Privatsphäre der Internetnutzer schützt. Sie ist kleiner als ein Taschenbuch und braucht weniger Energie als eine Glühbirne. Die Freedom Box kann in der Wohnung oder im Büro den Netzwerk-Router ersetzen und schützt damit die Privatsphäre aller Computer am Netzwerk dahinter. Sie kann aber auch einzeln neben anderen digitalen Einheiten stehen.
 
Eben Moglen
Eben Moglen: "Jahrelang habe ich darüber nachgedacht, wie Computer die Gesellschaft verändern, ob sie Freiheit vermehren oder zerstören. Und ich kam zu dem Schluss, dass sie für beides benutzt werden können, und dass es die Aufgabe meiner Generation sein würde, sich für eins zu entscheiden."
Andrew McMillan / Wikipedia
Warum ist die Freedom Box eigentlich notwendig?
Moglen: Heute haben Regierungen und Geschäftemacher mehr denn je Möglichkeiten und Anreize, uns unserer Privatsphäre und Autonomie zu berauben.Wenn wir keine Technik entwickeln, die uns schützt, müssen wir eben unter der Technik leiden, die diesen Schutz untergräbt.
 
Wer braucht die Freedom Box am dringendsten?
Moglen: Jeder, der Privatsphäre braucht, also: jeder. Informanten, Freiheitskämpfer, Reporter, Teenager und alle, die anstatt einer Postkarte lieber einen Brief in einem Umschlag verschicken. Wer befürchten muss, ins Gefängnis gesteckt, geschlagen oder unterdrückt zu werden, weil er Informationen oder Gesinnungen nicht preisgibt, bei dem ist der Bedarf natürlich dringender. Es geht aber immer um das Gleiche: frei von Zwang und Überwachung sprechen zu können.
 
In einem Vortrag in den USA haben Sie von vier Kräften gesprochen, die Freiheit im Netz abschaffen wollen: Regierungen, Inhaltseigner, Datensammler und Netzwerkbetreiber. Haben Sie Beispiele?
Moglen: Disney, Sony und Bertelsmann sind Inhaltseigner. Facebook und Google sind Datensammler. Die Telekom ist ein Netzwerkbetreiber. Die größte Gefahr geht sicherlich von Regierungen aus, die außerhalb des Rechtssystems operieren, aber jeder ist für sich genommen auch schon eine große Gefahr.
 

Eben Moglen, geboren 1956, ist Professor für Recht und Rechtsgeschichte an der Columbia Law School in New York.
Einen Link zur FreedomBox Foundation gibt es hier:
FreedomBox Foundation


Braucht es die Freedom Box wirklich? Reicht es nicht, wenn jeder etwas vorsichtiger mit seinen Daten im Netz umgeht?
Moglen: Private Kommunikation ist derzeit nur mit speziellen Werkzeugen und Expertenwissen möglich. Selbst die, die mit der Technik umgehen können, finden das unpraktisch. DasZiel der Freedom Box ist es, Privatsphäre in unserer Gesellschaft zum Standard zu machen. Wenn wir das schaffen, wird es für die Menschen wieder eine Selbstverständlichkeit sein.
 
Warum tun Sie all das, was ist Ihr persönliches Ziel?
Moglen: Ich bin schon sehr früh in meinem Leben mit Computern und der „Computerisierung“ der Gesellschaft in Berührung gekommen. 1973, mit 14 Jahren, habe ich als Programmierer zu arbeiten begonnen. Jahrelang habe ich darüber nachgedacht, wie Computer die Gesellschaft verändern, ob sie Freiheit vermehren oder zerstören, und ich kam zu dem Schluss, dass sie für beides benutzt werden können, und dass es die Aufgabe meiner Generation sein würde, sich für eins zu entscheiden.
 
 
Wer steckt hinter Ihrer „Freedom Box Foundation“, und wie finanzieren Sie sich?
Moglen: Die Freedom Box Foundation besteht aus einer Gruppe Freiwilliger, die der Meinung sind, dass man eine Freedom Box nur gemeinsam entwickeln kann. Wir finanzieren uns durch öffentliche Spenden.
 
Sie programmieren derzeit die Anwendung, also die Software. Die Kästen, also die Hardware, gibt es schon – wofür werden die bisher genutzt?
Moglen: Kleine Computer mit Steckverbindungen sind seit einigen Jahren auf dem Markt: kleine Server mit wenig Leistung und geringem Stromverbrauch. Bildschirme oder Tastaturen sind nicht angeschlossen. Man benutzt sie unter anderem als Datensicherungsspeicher oder Mediaserver zu Hause.
 
Freedom Box
Die "Freiheitsschachtel" namens Freedom Box.
Ian Sullivan, FreedomBox Foundation
Wie kommunizieren die Freedom Boxes miteinander – nutzen sie die bestehende Infrastruktur des Internets?
Moglen: Freedom Boxes kommunizieren miteinander über das Internet wie alle anderen Computer auch. In Notfällen werden sie aber auch über Netzwerk- Funkverbindungen direkt mit anderen Freedom Boxes in Kontakt treten können. Sicherheit soll vor allem durch Verschlüsselung entstehen.
 
Kann die nicht einfach geknackt werden?
Moglen: Wir nutzen den aktuellen Verschlüsselungsstandard – die gleiche Technologie, die Billionen Dollar im Bankenwesen unterstützt. Wir vertrauen darauf, dass dieser Schutz stark genug ist, so dass Nachrichten wirklich nur von den Empfängern gelesen werden können, für die sie bestimmt sind.
 
Funktioniert das System miteinander kommunizierender Freedom Boxes nicht nur, wenn es auch genügend Nutzer gibt?
Moglen: Die Software, die bei der Freedom Box zum Einsatz kommt, ist generell frei erhältlich und „open source“, das heißt, sie kann von jedermann weiterprogrammiert werden. Sie kann auch auf alle Computer heruntergeladen werden, nicht nur auf Freedom Boxes. Selbst wenn kein Mensch jemals eine Freedom Box, also das Kästchen eines Herstellers, kauft, gehen wir davon aus, dass unsere kostenlose Software private Kommunikation möglich machen wird. Viele unserer technisch versierten Mitglieder nutzen die Software schon, um ihre Privatsphäre zu schützen. Die Freedom Box macht das auch Menschen möglich, die keine Experten sind.
 
Wie weit sind Sie in der Entwicklung? Wann ist die Freedom Box marktreif?
Moglen: Wir haben gerade eine Vorab-Version des Betriebssystems veröffentlicht, um es Entwicklern auf der ganzen Welt möglich zu machen, unsere Software zu verbessern. So funktioniert bei uns die Software-Entwicklung: Verteile eine frühe Version an jeden und lass jeden sie besser machen. Jetzt fangen wir an, Funktionen und Anwendungen für den Schutz der Privatsphäre zu installieren. Innerhalb von ein paar Monaten wollen wir eine Freedom Box haben, die sichere verschlüsselte private Kommunikation sinnvoll möglich macht – wenn auch noch ohne den letzten Schliff und die vollständige Palette von Anwendungen, die wir für spätere Versionen vorsehen.
 
Was ist das Schwierigste an der Entwicklung?
Moglen: Die größte und wichtigste Herausforderung ist die Benutzeroberfläche. Die Freedom Box muss einfach zu bedienen sein, sonst wird sie Laien niemals wirklichen Schutz bieten. Sie werden auch von Mitgliedern der Piratenpartei unterstützt, Computerfreaks und Internetexperten, die bei den Wahlen in Berlin fast neun Prozent der Stimmen geholt haben.
 
Was halten Sie von dem Erfolg?
Moglen: Ich glaube nicht, dass die jungen Leute Freaks sind. Ich glaube, die Piratenpartei ist die Manifestation einer Erfahrung von 20- und 30-Jährigen, die glauben, dass zu viel Kontrolle über Kultur, Wissen und das Internet von Regierungen ausgeübt wird, die sich an Unternehmen verkauft haben, die kein Interesse am Wohlergehen der Menschen haben. Wir glauben, dass der Wahlerfolg der Piraten in Berlin eine Erinnerung an die Parteien ist, dass sie die Unterstützung der jungen Generation verlieren werden, wenn sie es nicht schaffen, eine Politik zu machen, die den Wert des Teilens anerkennt. 
 

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