Thomas: Hilfe von der Netzgemeinde
 
Thomas
Jetzt sei er wahnsinnig stolz, dass es geklappt habe. Über 1000 Euro haben ihm wildfremde Internetnutzer auf dem Portal startnext.de für die Nachbearbeitung seines Films "Das Schokoladenmädchen" gegeben. Jetzt kann er einen Profi mit der musikalischen Untermalung beauftragen. Ende Juni soll alles fertig sein. Dann will er mit seinem Streifen auch an Filmfestivals teilnehmen.
 
So wie Hauck machen es inzwischen immer mehr Kreativköpfe. Sie lassen sich ihr Projekt – oder zumindest einen Teil davon – von der Internetgemeinde finanzieren. Als Gegenleistung dürfen die Geldgeber auf vielfältigste Weise an dem Projekt teilhaben, sei es beispielsweise als Darsteller im mitfinanzierten Film oder – etwa bei einem geringeren Beitrag – auch nur als Name im Abspann. Alternativ werden auch verschiedene Geschenke an die Finanziers versandt – je nach Art des unterstützten Projekts. Das Ganze nennt sich dann Schwarmfinanzierung oder eben Crowdfunding.
 
Eine der größten Plattformen, die es im Moment gibt, heißt kickstarter.com und hat ihren Sitz in den USA. Hier sammeln Künstler oder Erfinder teils bis zu mehreren hunderttausend Dollar an Geldern ein. Aber wie funktioniert das?
 
Zunächst braucht man ein Projekt, das in einem absehbaren Zeitrahmen abgeschlossen ist. Dieses stellt man – am besten in einem Video – auf der Website vor. Zudem legt man eine Zielsumme fest, die man für die Umsetzung benötigt. Und man muss sich „Belohnungsstufen“ ausdenken – also, für wie viel Geld die Unterstützer was bekommen. Kommt ein Projekt mangels Finanziers nicht zustande, ist das bis dato gegebene Geld nicht verloren. Erst wenn die angepeilte Summe erreicht oder überschritten ist, wird den Unterstützern ihr Beitrag abgebucht.
 
Seit einiger Zeit gibt es auch deutsche Crowdfunding-Seiten. Eine davon ist pling.de, gegründet Ende 2010 von David Heberling und David Holetzeck. Anlass war die eigene leidvolle Erfahrung. Beide kommen aus dem Filmbereich und hatten eine Idee für eine Webserie. „Es war ein gutes Konzept, aber wir haben es nicht geschafft, eine Finanzierung auf die Beine zu stellen“, sagt Heberling. Also bastelten sie in Berlin eine Plattform nach dem Vorbild von Kickstarter.
 
Besonderen Wert legt Heberling darauf, dass es sich bei den Geldbeiträgen für die Projekte nicht um Spenden handelt. „Es gibt ja einen Gegenwert dafür“, sagt er. „Wir wollen weg von dem Bild, dass der Künstler für die Umsetzung seines Projekts um die Unterstützung betteln muss.“
 
Für alle, die vorhaben, ihr Projekt von der Netzgemeinde finanzieren zu lassen, hat er einen wichtigen Tipp: „Lebe dein Projekt oder lass’ es“, sagt der Plattform-Gründer. „Etwas einzustellen und darauf zu hoffen, dass es sich von selbst finanziert – das wird nicht passieren.“ Wichtig sei eine engagierte Kommunikation, und die kreative Gestaltung der Vergütungsstufen. So hätten beispielsweise Programmierer eines Computerspiels angeboten, ab einer bestimmten Summe den Geber als Charakter im Spiel auftauchen zu lassen.
 
Je kreativer man im Eigen-Marketing ist, desto größer ist die Chance für das Projekt erfolgreich zu sein. Das weiß auch Tino Kreßner, der zusammen mit einem Partner die derzeit wohl gefragteste deutsche Crowdfunding-Plattform gegründet hat: startnext.de. Besonders beeindruckt hat ihn eine Projektgruppe, die anbot, ab einem bestimmten Geldbeitrag den Namen des Finanziers zu tanzen und als Video zuverschicken. „Das war extrem irre“, sagt Kreßner. „Sehr viele waren einfach neugierig, wie das wohl aussehen würde und haben das Projekt unterstützt.“
 
Das Tanzvideo war vor allem eine extrem gute Werbung. Die Leute stellten ihren „Namenstanz“ wiederum bei Facebook oder Youtube online – so wurde die Projektgruppe in einem großen Radius bekannt. „Es geht darum, authentisch zu sein und die Leute zu begeistern“, sagt Kreßner. „Vor allem muss man bereit sein, sich mit Social Media auseinanderzusetzen und dazu, auch Einblick in sein Projekt zu bieten.“
 
Solch große Summen wie auf Kickstarter nehmen die Projektgruppen auf deutschen Seiten noch nicht ein. „Im Moment sind bei uns Projekte bis maximal 20 000 Euro erfolgreich – das ist realistisch“, sagt Kreßner. Bevor ein Projekt startet, wird es in der Regel von den Betreibern unter die Lupe genommen. Schließlich soll die Mühe, beispielsweise ein Video zu drehen, nicht umsonst sein.
 
Bei Pling haben die Betreiber Interesse am Erfolg. Denn nur wenn die Zielsumme zusammenkommt, fließen sieben Prozent davon an die Betreiber. Bei startnext.de ist dagegen alles kostenlos. Die Unterstützer können den Portalbetreiber allerdings freiwillig etwas geben. Später sollen kostenpflichtige Premium-Angebote Geld in die Kasse spülen, verrät Kreßner. Etwa die Möglichkeit, gegen Aufpreis von seinem Projekt eine Pressemappe für die professionelle Vermarktung erstellen zu lassen.
 
Auch Valentin Gagarin hat vom Crowdfunding profitiert. Zusammen mit zwei Partnern hat der 23-Jährige in Hamburg einen Zeichentrickfilm namens „Reverie“ gedreht. Für die Schlussbearbeitung hatten sie bei Startnext um Unterstützung gebeten – und bekommen. Bereits vor Ablauf der Frist hatten sie mehr Geld zusammen als ursprünglich angepeilt. „Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass es so gut läuft“, sagt Gagarin.
 
Und doch gibt es für ihn Wichtigeres als die finanzielle Seite. „Ich würde wirklich sagen: Es ist hauptsächlich Werbung mit ein bisschen Geld.“ Natürlich gibt es beim Crowdfunding auch viele Projekte, die scheitern. Das liegt oft daran, dass man es eben nicht geschafft hat, zu begeistern. „Man muss die Leute zum Beispiel mit Video-Updates am Ball halten“, sagt Gagarin. Mit seinen 23 Jahren hat er verstanden, wie es geht. Schon im Oktober soll „Reverie“ Premiere feiern.